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Reise

Es kommt immer wieder die Zeit sich zu verabschieden. Kein Moment ist richtig, doch ist dies nun die Zeit zum Aufbruch. Innig, wie es sich an mich schmiegt, das Gefühl bereit zu sein. Ich habe es zugelassen und genährt. Jetzt möchte ich es nicht mehr freigeben. Abschied füllt mein Herz mit tiefem Schmerz, lässt es anschwellen, bis mein Körper sich der Schwere hingibt und sich jedem Ausdruck ergibt. Ich zähle Steine. Die sanften Kurven umgarnen die scheinbare Härte. Ich erahne die Tropfen wie sie ihren Weg langsam nach unten bahnen. Da ist nichts. Nur Liebe.

Ein paar Konzepte habe ich verstanden. Wir beide finden Halt in jenem Baum, der immer steht; widrige Umstände, die Wurzeln wachsen dem Beton zum Trotz. Die Verbundenheit trägt mich, alsbald ich alles zulasse und abgebe fühle ich sie. Verbundenheit kennt keine Grenzen. Nur der Verstand grenzt uns ein und trennt uns. Schön, dass wir immer beieinander sind. Wenn ich in tausend Kilometer Ferne auf einem Leuchtturm stehe und die Sterne zähle, bin ich bei dir. Auf dem Rücken spitzer Berge kraust mir der Wind das Haar und ich bin immer noch da. In der Weite der Wüste umarme ich die Stille und tanze in ihrer Leere zu unserem Lied. Die leisen Wellen winden sich um meine Beine und meine Zehen entziehen sich dem Sand.

Wie mich ein Schmunzeln bewegt, von innen nach aussen, den Kopf leicht hin und her schwankend, am Horizont das tosende Gewitter, darüber hinaus das tiefe Schwarz, immer weiter die Unendlichkeit. Wenn ich das All-ein-Sein nicht mehr denke, sondern fühle und letzten Endes lebe, dann bin ich angekommen. Dann bin ich überall zu Hause. Dann bin ich frei. Dann bin ich. Wer? Dann…ist es nicht mehr wichtig.

von Neuem

Ich darf wieder von Neuem beginnen und kann es kaum erwarten. Die Kontraktion vibriert auf jeder einzelnen Saite entlang dem Ufer über die gekurvten, glattgeschliffenen Steine hinab in das kühle Nass bis auf den Erdboden, wo etwas versickert und etwas anderes aufsteigt. So die Seele des Gesteins schwerelos den Himmel trübt, tausendfach die eigene Achse umrundet, um sich in der Gegenbewegung der Rast komplett hinzugeben. Ein gewobenes Schauspiel, wenn ich mich recke und nach deiner Gnade ausdehne. Wie ein stiller Beobachter aus der Ecke des Bewusstseins ist mir jede Faser ein Freund, jede eine treue Gefährtin, die mein Skelett umgarnt und bis tief in mein Herz hervordringt. Ein eindringlicher Schrei der dieses rhythmische Gesetz anstösst, die geschmeidigen Gehäuse an den äussersten Rand treibt, zuckt und zieht, und kraftvoll wie eine Welle über die Reling schlägt, um im nächsten Moment im Zusammenzug aufzuleben. Eine Vermählung von Ebbe und Flut. Die Gezeiten meines Korpus wie ich zwischen Fingern den geschmolzenen Wachs sachte zu einer Kugel forme, mit geschlossenen Augen loslasse – kullernd – dem Nichts entgegen.

Neumann

Hi Mann, Neumann, *gähhhhn*, WordPress mal wieder anders. Neu. Jetzt kann man wieder mehr, mehr wählen, mehr gestalten, mehr bestimmen, dabei mit diesen Bausteinen (wie mit Lego oder Minecraft) den Überblick bewahren. Modern und zeitgemäss, gezwungen dazuzugehören.

Dann ist Lichterlöschen. Und es ist dunkel. Und schwarz. Und wir sehen alle gleich viel und gleich wenig. Wenn wir an Ort und Stelle verweilen, bloss horchen oder den Sinnen gar ganz entsagen, entdecken wir nichts. Vielleicht sind da noch Blöcke, die sich umherschieben lassen und vielleicht ist die virtuelle Vielgestalt noch irgendwo da draussen beschäftigt und zerzaust mit ihren unzähligen Armen jegliche Gedankenfreiheit.

Die Pseudo-Freiheit in Grenzen – liebe Grüsse dein Wasauchimmer.

Silence

Ten steps east, one north.

What is there to write, when there’s nothing left?

Just an ordinary ticking, just a point of reference on a hidden map somewhere amidst the universe. Came and went altogether. No gain, no loss. Solely the rhythmic convulsions of muscles straining tendons, reaching higher, breaking through sweet skin, up, up, blue bottoms of oceans, translucent pearls in indigo coats, lighter in gait and blush, vertical transcendence, a boxer in the ring standing still, beams from above shattering the surface; in time-lapse coming up for air.

Penetrate truth, divide all, a sword arrested in mid-air – the same substance in every direction, always silence.

Leben

Hier, goldener Engel, trage das Licht, das immer scheint. Grenzenlos, golden deine Flügel, deine Augen, geschlossen, die Hände gefaltet, kniend. Da, jenes Licht, dass mich und dich umfasst. Bist du Kind? Bist du Erwachsener? Bist du Mensch? Wenn alle Worte entfallen und ich die Grenzen meines Verstandes aufhebe bist du weder das eine noch das andere. Vielleicht bist du einfach. Und ich mit dir. Engel sein, Uhr sein, Tisch und Stuhl sein, du gleitest mir über fremde Lippen und legst Staub in die weiten Winkel dieser Welt. Da diese seltsamen Kreise auf meinen Fingern, dort die verworrene Haut; fortan entdecke ich dich überall. Ich kann dich nur aus meiner Begrenztheit benennen, also höre ich damit auf.

Hach – Leben. Wer oder was bist du? Ich habe so viele Fragen an Dich, doch glaube ich, dass die Wichtigsten unbeantwortet bleiben werden. Das ist ok. Du, Leben, glaube ich bist viel mehr, für den Menschen nicht greifbar, nicht in Gedanken und nicht in Worten. Vielleicht jedoch im Erleben und in Erfahrungen, in Gefühlen. Dann ist die Freiheit unendlich und wir sind darin verbunden. Wie kann ich das nicht wissen, wenn eine innere Berührung Ja dazu sagt? Whitman fragte einst: „was ist mehr oder weniger als eine Berührung?“. Ich möchte mich Dir ganz hingeben; leben.

Aus meinem Inneren steigen Gefühle auf, die ich wahrnehme. Immer sind sie schon da, und wenn die Wolken weichen, erkenne ich die Sonne in ihrem Ganzen. Meine Tränen verlassen den Äther und verabschieden sich von Trauer und Freude. Da ist viel mehr und es ist tiefer, tiefer als je zuvor. Ich gebe mich hin. Nichts ist mehr oder weniger real als du, goldener Engel. Ich fühle Dankbarkeit und Demut in diesem unbegreiflichen Nichts. Ich liebe Dich, Engel, Tisch und Stuhl, aber noch mehr durste ich nach eurer vereinten Quelle des Lebens.

 

was ich noch sagen wollte

Nicht viel. Nicht wenig. Was gibt es noch zu sagen? Manche gehen durch das ihre Leben ohne sich dessen bewusst zu sein. Manche haben Glück. Manche stehen am Ufer, sehen im See ein Meer, sehen wie sich das gekrümmte, gegenüberliegende Ufer zu scheinbaren Inseln formt. Die Sturmlichter derweil entgegen dem aufbrausenden Wind im Takt vor sich her blinken. Äussere Unruhe, innere Klarheit. Äussere Ruhe, innere Vernebelung. Was wohl die anderen denken?

Loslassen – der Sprung ins Wasser. Die Strassen sich verengen, zu Furchen werden, die Häuser trennen, so klein nun die Menschen, die zurückbleiben, es wird stiller, still. Und, wie er einst erzählte, stets geradeaus schwamm, der Boden unter seinen Füssen wich und ihm die Angst über die Haut fuhr, ihn streichelte. Doch er liess von ihr ab, glitt weiter über die geschlossenen Tropfen des Meeres. Immer zu, selig im Vertrauen, dass er ja schwimmen kann! Das die Tiefen sein mögen, doch fütterte er diese Gedanken nicht, liess die Tiefe Tiefe sein und schwamm weiter. Ho, du lieber, vertrauender Schwimmer!

Ich löse mich: los; auf; allmählich. Die Gewissheit, dass es in jedem Leben möglich ist.

Fern aller Erde, Baum, Mensch

Das allein Sein auf einem Planeten, fernab von Heim und Frau und Kind. Ich kann es weder sprechen, noch flüstern, schreien oder beten, weder schreiben noch singen. Ja, Schreie ausstossen möchte ich, meterhohe Gefühle malen, Orkane herbeispüren, das Rauschen bändigen und die Stille ausfüllen, weil ich es nicht halten, nicht aushalten kann.

Innerlich diese abgrundtiefe Angst, Gefangenschaft, ertrinken. Was wenn es keine Worte gibt, keine fassbaren Stricke, keinen menschlichen Ausdruck dieses überwältigenden Erlebens?

Wo anfangen? Wo kein Ende in Sicht. Die Rundungen, getrieben, sich jagend und streckend bis der Horizont sie verschluckt. Links, wie rechts, derselbe graue, staubige Teppich. Mein Blick, nach vorne gerichtet, leicht gesenkt, nur die Augen sich bewegen, die Lider ungeachtet loszulassen scheinen.  Es atmet durch mich, es pulsiert in mir, irgendwo in der Ferne die fallende Herzfrequenz, und tief in meinem Inneren, beherbergt und doch ungehalten, ein Gefühl.

Keine anderen. Ich, in der Weite der Ferne. In der Weite der Fremde. Der Weite ausgeliefert. So als ob weder Zeit noch Raum, noch die Essenz existieren würden. Wenn ich mich auf allen Kanälen vollends verschliesse bleibt mir die Illusion eines flüchtigen Moments erhalten. In dieser einsamen Sekunde kann ich mich aus den erstarrten Flocken heraustanzen, meinen Körper ausdehnen und jede einzelne Himmelsfaser ungedacht und unbegrenzt in mir empfangen. Die Unendlichkeit bestaunen, die sich mir anschmiegt und mich ohne Argwohn verbindet. Dem zarten Kristall lauschen, wie er fallen könnte, und dieser täuschenden Zeit gerecht werden. Gedankenspiele.  Ein schweres, langgezogenes „Ach“. Der gedrosselte Atemstoss, der nicht vernehmbare Klang und immer noch der endlose Kosmos, sich krümmend, falzend und wölbend.

Das ungehorsame Schweigen das hier und jetzt zerbricht, wenn ich meinen Mund öffne und doch keine Laute spreche. Und wie sie gefallen sind, wie die Verprassten, und ich nur diesem Gefühl Geleit schenke, so entbinde ich mich jenen Schichten, die mich über Jahre, unter dem Vorwand mich zu schützen, verdeckten. Die Fäden lösen sich aus jenem Garn, der mich in Normen verwickelte, in Erwartungen und Haltungen und fremden Moralen. In diesem Vakuum zieht eine Stimme in einer ungeheuren Reinheit Frieden herbei bis ich mich diesem Gefühl ganz hinzugeben vermag.

Tiefer, tiefer, immer tiefer. Der Fall. Oder das ewige Halten und nicht loslassen können. Angst vor dem, was da kommen mag. Hier trennt sich der Schatten vom Licht. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. … Oh. Ein Hauch. Langsam darauf zu oder davon weg. Langsam wird es dunkel, die Wände reissen sich gegenseitig immer fort, wohin ich schaue Türen und Tore, Gitter und Fallen, kopfüber, seltsam verkehrt. Alle Wege sind plötzlich Irrwege. Die Schrift verschwimmt, der Atem rinnt, der Puls entweicht, die Haare legen sich Quer über die Haut, die Nägel verblassen, der Lippenduft wendet sich sanftmütig der Leere entgegen, und niemand und nichts ersetzen die eigene Lehre. Wie ich so Schritt um Schritt einen Gang durchstreife blicke ich zurück auf mein Leben und zähle jeden Finger in Andacht an jede Note, jedes Wort, jeden holden Muskel in An- und Entspannung, die gekrümmte Seite eines einzelnen Atemzugs, und streife ab was war. Und gehe weiter. In durchzogenen, farbigen, kaum sichtbaren Streifen bewegt sich der Moment vorwärts, oder scheint zu verharren als ich mich ihm nähere. Eine Abhandlung der Vergangenheit, die sich immer wieder an mich schmiegt, meinen Schritten ein Echo verleiht und mich in ihre Arme locken möchte. Ungeachtet dessen oder mit dem täuschenden Blick über die Schulter, oder dem hängebleibenden Gedankenspiel, schiebe ich den Fuss vorwärts. Die Gewichte haften. Ich krümme den Zeh, setze die Sohle, Rolle den Ballen, trete sachte auf, die Streifen an mir vorbeiziehen, das Vergangene insistiert, ich schüttle, es frostet mir, der Atem stockt. Ich ruhe. Ich, Ruhe. Im Sturm das Auge, ein leichtes, unscheinbares Nicken, akzeptieren, hingeben. Der Raum verschliesst sich und formt eine Kugel, die mich umgibt. Die Türen und Tore enden in der Einwirkung der Vergänglichkeit. So das runde Sein aus der Zeit verrückt als ich den Moment ergreife. Mein Bewusstsein schnappt zu, etwas dreht sich um mich herum, etwas bebt unter meinen Füssen, etwas Sauerstoff kratzt an meiner Lunge. Ich stehe fest im Moment und bin da. Und weiss das Fallen birgt Angst.

Ich bewege nicht Atem, ich rausche nicht Blut, ich zucke nicht im Muskelfundament. Das innere Erleben leitet. Ja, gleitet, in neuen Räumen und Gängen, auf einer anderen Ebene, vielleicht auf einer anderen Wahrheit. Die Gefühlsflut bricht an. Ich muss es erleben, zulassen. Loslassen.

Vita

An viele habe ich geschrieben, aber an dich noch nie. Wir haben uns nie kennengelernt. Wir werden uns nie kennenlernen.

Es war Samstag. Ich habe gewartet, aber nicht auf dich. Da warst du. Und dann warst du weg.

Ich kenne deine Geschichte nicht. Wenn ich versuche sie zu rekonstruieren, so weiss ich, dass ich dir nicht gerecht werde. Wie kann ich dir auch jemals gerecht werden? Wer weiss schon etwas über den Anderen, wirklich etwas? Also nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich nur den Schatten deines Lebens auf eine weisse Leinwand auftrage und dabei Farben und Ebenen vermische.

Wie ich da stehe, Pinsel in der Hand, überkommt mich dieses drückende Gefühl, das mich lähmt. Ich sehe, wie du heranwächst. Heran an jenes „Gross sein“, dass wir manchmal erstreben, manchmal ersehnen, niemals vollends erahnen und beschreiben können. Deine ersten Versuche es deiner Mutter gleich zu tun. Diese ungeschminkte Auseinandersetzung mit deiner Welt, das Zerwürfnis, der Frust, ein weiterer und noch ein weiterer Versuch, die Leichtigkeit und Befreiung als du es schaffst. Dich schwungvoll um die eigene Achse drehst, die Tiefen und Höhen berührst, lustvoll deine Weite begreifst und auskostest, ein Plätzchen da, eines dort erkundschaftest. Im Wind, Augen geschlossen, dieser Bruchteil ineinander verschachtelter Dimensionen, zusammengedrängt, um dir dieses grenzenlose Erleben zu gestatten…los, los du sachter, kleiner, ergebener.

Als wir uns begegnen hallen die unerreichbaren Glockenschläge noch in meinen Ohren. Es ist knapp 12 Uhr. Alles pfeift, frohlockt. Ich habe meinen Rucksack gepackt. Eine Kanne Tee, zwei Äpfel. Ich nehme dich nicht wahr, bloss dieses Geräusch. Als sich die Uhr eine Minute vorgeschoben hat, bist du nicht mehr. Ich sehe hilflos zu, wie du leidest und es schüttelt mich von Kopf bis Fuss. Jemand räumt dich aus dem Weg, aber niemand kann dir helfen. Die Räder rollen weiter. Ein kurzer Blick zurück. Irgendwo im Gebüsch erahne ich dich und fürchte deinen Anblick zugleich. Die Vögel pfeifen weiter als wäre nichts geschehen.

Ich weine still. Der Himmel müsste weinen, sich öffnen, die Strassen in einer Flut mit sich reissen. Die Menschen und Tiere müssten innehalten. Ruhe müsste sich breitmachen, in Respekt, in Erbarmen, im Mitgefühl, dass dich von dieser Welt trägt. Selbst die Gräser und der Wind müssten verstummen, ihr Spiel vertagen, damit das selbstlose Wachstum seine Ohren spitzen und in der Atempause des Lebens deinen Tod anerkennen könnte.

Aber die Zeit prescht vor, die Uhrzeit – es ist 12.02 Uhr und die Welt hat dich bereits vergessen. Ich kehre der Strasse den Rücken, drehe den Schlüssel im Schloss, entledige mich meiner Schuhe und lasse mich fallen. Gutgütiger, eine Spur hast du hinterlassen. Spuren verwischen, verwaschen. Ich kann den Moment nicht anhalten, bloss feststellen, dass es ihn gibt. Gab.

Heute gedenke ich dir. Lieber Unbekannter. Fühle mich in dieser Zeile verbunden.

Kinderrechte

Vor Jahren habe ich mit einem Kind gearbeitet, das sich in einer schwierigen Familiensituation wiederfand. Ein Kind, wie manch solch unschuldige Wesen. Wir sprachen über seine Rechte, Rechte, die jedem Kind zustehen. Und heute, Jahre später begegne ich auf wunderliche Weise derselben Kinderseele oder jener eines nahen Gefährten, und bin erneut in Gedanken über Kinder und ihre Rechte versunken. Unversehrtheit, Schutz, Nahrung, Zuwendung, um lediglich ein paar zu nennen. Und ich frage mich, wer entscheidet über das Recht der Kinder? Wer nimmt sich das Recht über das Recht anderer zu entscheiden?

Unsere Blicke treffen sich immer wieder, mal bewegen sich meine Blicke über seine Konturen, erahnen ein Lächeln oder die Runzeln einer gedanklichen Auseinandersetzung oder jenes aufblitzende unscheinbare Blinzeln, das an einen Hauch Lebensfreude erinnert. Im Lichtkegel der Strassenlaterne findet er Zuflucht, dort wo der Schnee leise rieselt, schwenkt sodann zurück in den Raum und schaut mich fragend an. Dabei ist es meine Rolle zu fragen. Aber ist es nicht auch ein Recht des Kindes gehört zu werden? Seine Meinung kundzutun? In seinem Wesen ernstgenommen zu werden? So höre ich zu und lerne aus seinen Fragen, die seine Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte verraten. Ich kenne dieses Spiel. Er möchte gesehen werden, er möchte, dass ich ihn errate, und doch will er es auch nicht.

Seine Unsicherheit und ich halten inne. Ich spüre sie. Über die Buchstaben und Worte meines stummen Gesichtsausdrucks versucht nun er zu lesen und raten. So unergründlich seine Verletzungen, dass er von seinen Erfahrungen geprägt, sein Innerstes zu schützen versucht und die Gefahr bahnen möchte noch ehe sie sich ausbildet. Wie mein kurzes Zögern ihn zum Deuten verführt, er Versagen zu ahnen scheint, Ablehnung vermutet, sich qualvolle Gedanken bildet, begleitet von jenem Gefühl, nicht gut genug zu sein, alles falsch zu machen, ja ein Versager, ein ungeliebter Mensch zu sein, ein solcher, der Ursache für Streit sein soll, für das Auseinanderleben jener, die er zutiefst in seine Liebe hüllen möchte. Und dabei bin ich ihm mehr ein Fremder, doch hat sich sein Überleben über die Jahre so verfeinert und eingebrannt, dass er auch in mir nach Signalen sucht, die er in seiner Auffassung zu deuten probiert.

Seine angezogene, rechte Schulter als sie plötzlich an Schwere gewinnt, sich seine Muskeln entspannen. Ich versichere ihm, das alles in Ordnung ist und bestärke ihn darin, dass er gut ist so wie er ist.  Und ich höre immer noch zu. Ich meine zarte Umrisse um seinen Körper wahrzunehmen. Ein seidenes Licht, das so nicht fassbar, nahezu grenzenlos sich anmutet, mit seinem Atem auf und ab, sich zu heben, zu senken scheint. Glaubst du an Engel? Ja antwortet der Junge. Glaubst du an Engel, fragt er mich? Wir schauen uns ungebrochen in des anderen Seele, schweigen, die Zeit entrinnt ihrem fahrigen Treiben. Ja. Vielleicht glaube ich lange keinen Engel mehr gesehen zu haben. Und doch sitzt einer mir direkt gegenüber.

Es ist streng sagt mir das Kind. Ich lächle sanft. Ja, es ist streng. Wenn du hier draussen vor meiner Tür stehen würdest und jedem Kind, dass mein Zimmer verlässt, fragen würdest, so habe ich keine Zweifel daran, dass sie dir zustimmen würden, dass es streng ist. Ich glaube ein jedes Kind hat das Recht Kind zu sein, geschützt zu werden vor einer erwachsenen Welt, der es noch nicht gewappnet, der es noch ausgeliefert ist, dessen Strenge es übermannt. Hier begegne ich seiner Angst immer von neuem, jener, die er mit sich trägt und jedes Mal, wenn er sein Mäntelchen von sich hebt vor meinen Füssen ausschüttet, um einen kurzen Augenblick um Luft zu ringen. Sein Atem stockt, seine Angst ist dicht. Ich kann sie ihm nicht nehmen, ihn bloss auf seinem Weg begleiten, etwas Zuversicht teilen, Hoffnung wecken. Bloss ihn bestärken. Bloss an ihn glauben. Ich bin froh, dass er an Engel glaubt.

 

Gehen

Ich stehe oben, zuoberst, auf einem Hügel. Da wo ich mich stets wohlfühle. Im gefallenen Schnee vermischen sich meine Spuren mit jenen des Rehs und des Fuchses. Als wir uns erspähen haben sie meine Anwesenheit bereits als Gefahr vermutet, dabei bin ich so unschuldig wie sie. Vielleicht nicht, denn ich bin ein Mann aus der Stadt, hege Gedanken und Gefühle, bin unrein, irgendwie befallen von dem emsigen Treiben da unten, welches nun so im Kontrast zu meinem hiesigen Sein steht. Wie ich in Gedanken mehr mir selbst zuflüstere „hab keine Angst Fuchs, spring nicht davon Reh“ und beide es doch tun, sodann einen Augenblick verharren, die Ohren angesetzt, die Luft prüfend. Wie ich für diese Tiere wohl riechen mag? Ein sachter Schritt zur Seite, angespannt, bereit zum Rückzug, zum Satz in die rettende Dunkelheit. Alarmiert durch meine Präsenz. Ich kann sie weder besänftigen noch ihrer Natur entgegenwirken. Gewissermassen bin ich hier draussen der  Verletzliche, wenn es um das nackte Überleben geht! Kenne ich doch weder Höhleneingang, noch dichtes, schützendes Geäst, kann weder in die Weite riechen noch hören, noch geschwind laufen, noch trage ich Pelz und werde hungern. So aber wendet sich Fuchs ab, entspringt Reh diesem kurzweiligen Akt. Ich bleibe zurück, ruhe meinen Atem, stehe still, hoffe leise, dass sie wiederkehren mögen, sich zu mir gesellen, meine Spuren mit den ihren zieren, von den Abenteuern im Wald erzählen und unsere Seelen im Takt miteinander die Welt durchstreifen. Aber zuverlässig ist bloss die Nacht. Ich schreite voran, ziehe vorbei an Gebüsch, schlendere unwissend über den Bau, finde Trost im Gedanken, dass ich manches nicht sehen kann, aber weiss.

Dort unten kann ich die Stadt ausmachen. Meinen Blick lasse ich auf- und abstreifen, vielleicht ähnlich dem Fuchs; soll ich bleiben oder soll ich gehen? Der Schnee friert mich nicht, der Wind schont mich im Beisein des Künstlers, der dieses Bild zu malen scheint, und ich mittendrin. Er setzt einen Rahmen, schwarz, Holz, kantig, weich. Über die Tapete ziehen Hügel, gleiten ineinander, knüpfen Bäche und Bäume aneinander, grob wirken die Strassen im Gegensatz. Das sich ausbreitende Netz mit den scheinenden Werfern, den rückenden Blendern, dem Weiss und Rot, vorbeiziehende Köpfe im künstlichen Licht auf der Fahrt heim zu Frau und Kind, virtuell summt das Geld, die Beförderung. Welche Sendung sie heut Abend wohl schauen werden? Im Kleid der Dunkelheit verabschiede ich mich vom See und den Feldern, was bleibt sind die vielen Leuchten, der Schein, Strassenlaterne, Reihenhaus, Stadion, Einkaufscenter, Eisenbahn…

Lustig, spielst du mir heute einen Streich, du Obrigkeit, Könner, Schaffer, Schöpfer? Ziehst durch dieses Bild zwei dicke Streifen. Einen nennen wir Nacht, hüllst ihn in Schatten, heute dichten Nebel. Aber keine Sorge, sie haben ja ausreichend Licht da unten. Und darüber – dieses Blau, das weder Nacht noch Tag ist. Ich hätte es nicht vermutet, wenn ich es nicht selbst sehen würde. Häufig bin ich doch Nacht, bin ich doch Stadt, irgendwo da unten, ahnungslos, dass es ein Darüber gibt. Und genau jenes sehe und erlebe ich jetzt. Du hast den Mond hoch gehängt, bloss ein fein geschnittenes Stück seiner Rinde gelassen, ihm einen Stern an die Seite gelegt und ihn so geneigt, dass ich ihn auf meiner Fingerkuppe balancieren könnte. Was ist das für ein Bild? Und warum drängst du mich, mich zu entscheiden? Oder kennst du mich überdies hinaus, ferner als ich mich selbst?

Ich lasse mich weitermalen, schöpfe Vertrauen, nicht aus Gedanken, Gefühlen oder meinem Körper, einzig aus einem hellen Streifen, der schon immer war und immer sein wird.