Erlösung

Ich.

Auf dieser einen Welt bin ich zu Hause. Sie ist mein daheim. Hier sind mein Bruder Baum und meine Schwester Mond. Ich halte sie in meinen Armen und spüre ihren Puls. Und auf einmal fallen die Sterne vom Himmel und ich weiss es ist wahr. Am Strassenrand entdecke ich den Fuchs. Einen Moment kreuzen sich unsere Blicke und wir beide wissen. Ich begegne einem weiteren Fuchs und zwei Rehen, ein grosses und ein kleines. Obschon ich ihre Seelen nicht sehen kann, spüre ich sie. Wir sind. Wir horchen auf als die Himmelskörper sich plötzlich ihren dauerhaften Bildern  entledigen.

Die Schilder und Lichter, die Planken und Streifen, die Geräusche und Farben ziehen an mir vorbei wie eine gewobene Kulisse. Ich schwitze am ganzen Körper, doch verweise den Impuls mir über die Stirn zu wischen. So nahe bin ich. Ich brauche mich nicht zu bemühen, so fern sind für einmal meine Zweifel. Sachte fühlen meine Fingerspitzen der rauen Kleidung entlang, die meinen Bruder umhüllt und ich frage mich leise, was Bäume wohl träumen. Ich küsse die Erde und die Sonne während das Universum sich an mich schmiegt und ich die Endlichkeit annehme.

Ich bin widersinnig und möchte nicht anders sein, nicht Rolle oder Beruf, nicht Pflicht oder Busse, nicht Sünde oder Erwartung, einfach sein, weil ich die Gesamtheit als Kleinster aller Teile ergänze und mich damit begnüge. Hierin schöpfe ich Kraft, im Verbund des Unbeschreiblichen, wo ich Baum und Fuchs, Stern und Reh, schwarz und weiss, alles und nichts bin. Und wenn eines Tages sich Michener von der Welt und der Galaxie verabschiedet, so werde auch ich eines Tages auf diese Seelenbilder zurückblicken, die in meinem eingeschränkten Vorstellungsvermögen unsere irdische Existenz überdauern.

Wende

Die Ader. Das Innerste. Der Lauf und das Wachstum. Und der hohle Klang, witzlos und taub. Die imaginäre Schwere lastet wie Zement in derselben Ader und führt mich in Versuchung, mich dem Wahnsinn hinzugeben. Ein System der Angst: tausend Mal berühren, heimlich beten, den Schalter kippen, und kippen, und kippen. Woher diese Keile in unseren Lebensplänen wohl hervorgehen? Das selbst erwählte Leid im lichtlosen Schatten. Wie die Berge jenen vergilbten Postkarten ähneln und die Sehnsucht über längst Vergangenes streift. Oh warum diese Last? Die Weichen sind ohnedies gestellt.

Ich schneide den hasserfüllten Artikel entzwei. Ich schneide unbeholfen das Geschenkpapier in zu kleine und zu grosse Stücke. Ich schneide verheissungsvoll das Hosenbein in eine sommerliche Kürze. Ich schneide durch die lieblichen Tropfen, die sich zu fahlen Strichen ausweiten, wenn sie den Wolken entfliehen. Oder dem Boden. Oder diese Filmstreifen, die ich schneide und neu arrangiere und der Transformation mit Lust und Neugier begegne.

Feuertanz und Hochmut, Ehrfurcht und Verschmelzung, wenn alles still steht und ich mit meinen Sinnen die Flammenzungen streife, die Wärme in die Weite entgleitet und ich mit achtsamer Demut auf der Spitze, auf nackter Zehe, mich drehe, immer geschwinder bis wir uns einander hingeben wie das Licht dem Schatten, die Seerosen dem Morast, und das Leben dem Tod.

Ich lebe unter dem unbeschreiblichen Schirm einer Güte. Es ist alles was ich habe und alles das ich bin. Vielleicht ist es meine Aufgabe im Leicht zu leben, vielleicht.

Blickpunkt Vergessen

Das Vergessen messen, das Ausweichen vermessen, die Unlust im Abschied und hierin das Bewusstsein und die Dankbarkeit für Erinnerungen, auch wenn sie Vergangenes nicht wieder beleben können. Dieser eine Satz beinhaltet bereits die Vermeidung, das Umgehen der Tatsache, der Betrachtungsweise einer scheinbaren Realität worin vergessen nun wahrlich vermessen ist, denn es geht hier de facto um das Vermissen.

Vermissen. Typenunspezifisch. Diese innere Leere nach dem Heranwachsen und der Reife, der vollsten Blüte und der Vollkommenheit in Farbe, Duft und Empfindung. Ferner der durchdringende Klang, wenn jene Blüte spricht und die Wurzeln sich im Verborgenen recken, um heimlich diesem Schauspiel beizuwohnen. Hier der Keim der versteckte Welten in ihrer Pracht entblösst und dort auf den gezeichneten Venen des Flügelblattes die Verbindung zwischen Himmel und Erde mimt. In der Tat ein Vermissen des Paradies und weniger, zumal wir es auch hier kennen, in der Begegnung, in der Bindung, in der Beziehung und als Gefolge der Intensität und Erfüllung. Sodann das Abschminken und die verfärbten Tropfen in der Rinne der Zeit. Oh jenes Vermissen der blassen, feinen Haut, und des Lernenden, der Schnürsenkel verknotet und am Ende doch den Dreh raus hat. Und das sich vorantreibende Segel, den entlegenen Ufern sich entlang ziehend, wo Freundschaften in den Buchten des Lebens verweilen, unsere Liebsten die Himmelskörper über uns verzaubern und im Abschied das Vermissen lauert.

Ich mag es nicht. Ich mag diese Wahrheit nicht, diesen Schmerz nicht, dieses eine menschliche Attribut nicht, das innere Gräben öffnet und mit Schwere zuschüttet. Wohlweislich bin ich daran zu verstehen, zu akzeptieren – jetzt noch nicht, Geduld und ich sind wir uns treu.