Monstrolog: wenn Worte zerfliessen.

Und alle Freiheit und Liebe ersehnen – Gala.

Alle? Jeder? Die Gesamtheit aller Menschen? Wie viele wir wohl sind – wirklich sind? So viele Gesichter, Namen, Gewohnheiten, Geschichten, Erlebnisse, Höhen und Tiefen und alle suchen sie das Gleiche? Fehler: Verbindung fehlgeschlagen.

Was ist Geburt, was Leben, was Tod? Oder bin ich du und du bist ich?

Die ersten Flocken sind unweigerlich sichtbar. Wenn die Welt Kopf steht und sie die Kugel hält, schüttelt, mit geschlossen Augen weint, fällt der Schnee aufwärts, aber die Berge bleiben bestehen. Und die Wälder tummeln sich in Farben, sie kleiden sich für den Herbst, wie die kleinen Hörner, die ihre Gewänder wechseln, und wenn sie weint, bin ich berührt. Unter der Rinde vermute ich Leben, das uns bisweilen selbst verborgen scheint. Wo ihm Namen gebührt und ein kleines, kleines Herz um Gehör bittet, erhasche ich wenige Meter entfernt die Gämse. Was ist leiser, unmerklicher und doch da? Auf diesem Pfad und auf abertausend mehr gehen wir, laufen wir, stolpern wir – alle? Alle (glaube ich).

Die Urmenschen und wir, wir tun es ihnen gleich, sie sind von uns gegangen, wie auch wir gehen werden. Die Fragen bleiben zurück und wetzen sich an weiteren Seelen. Der Wind trägt sie in seinem Rausch und erinnert, dass wir möglicherweise alle aus dem gleichen Ursprung hervorgehen; Nagel, Finger, Hand, gewoben in einer Gesamtheit. Und eine Quelle ist Fluss, Anfang, Ende, und ich begleite ihre Trauer, jeden Tag die Kerze, der unausgesprochene Name auf ihren Lippen, Angst zu erlöschen.

Warm um hier Kraft, kalt, schauder Haut – vielleicht ist ja die Vergänglichkeit Antrieb und die Trauer Erinnerung, und die Suche nach Liebe und Anerkennung Aufgabe, und das Lächeln Ausdruck, und die Berührung auf der nackten Haut Verbindung und das Teilen Erweiterung und siebentausendmal das bewusste Ausatmen und dieser Wimpernschlag zwischen Realität und Schein, Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer. Wenn die Brüder spielen und die Mutter sie in ihrem Unwissen beschenkt, erinnert, und wir eine weitere Saison reicher und reifer sind, die Silhouetten des Lebens malen, staunen und sich die weisse Pracht legt bis zur nächsten Erschütterung…was ist ihre Aufgabe und was die meine?

Ich fliege mit geschlossenen Augen den Fels empor, erspähe unter mir das Rollen dem Pass entgegen, schwenke scharf rechts, unter mir Himmel, über mir der Eifer jedes Einzelnen sich selbst zu entdecken und zu verstehen. Sodann lasse ich mich fallen, Freiflug: im Vertrauen – auch sie trägt Schicht um Schicht, und auch hier liegt mir eine Vermutung nahe, dass sie Wirt ist und pflegt, die Hingabe nährt und wachsen lässt. In dieser grossen Welt bin ich ein Selbstentdecker wie jeder andere und niemand ist alleine.

Gesamt

Ich bin fünf Finger rechts, fünf Finger links, ein Strich und ein Kreis auf der blauen Leinwand nebst Wolke, Sonne, Regen; und Kehlen oben und unten, lang meine innere Säule, die mein Haus aufrecht hält; meine feinen Linien, die mich mich sein lassen, meine Haut zu Städten, Wälder und Bergen erwecken, dicht um meine Knochen gespannt, ich lache von Muskel zu Muskel und ziehe und drücke, Klappen auf und zu; meine Lunge arbeitet, zwei Flügel breit, innerer Fluss Zug um Zug, ist dies die Lebensluft?

Kanäle wandern, imitieren Ebbe und Flut, transportieren Gold, erwecken mich; ich verändere nicht, bin Beobachter und Entdecker – soll sich hier meine Seele spiegeln – im Glas reflektiert jener lichterlohe Kreis, formt sich graziös. Den Umdrehungen ausgeliefert atme ich die Gesamtheit ein, mehr kann ich nicht.

Oh, alle haben sie Namen, meine Kleinsten und meine Grössten Hammer und Amboss,  Blätter und Eichel, Zehen und Rippen, … Ich geniesse mein Sein in meiner Vollkommenheit auch ohne Namen, Prägung, Markierung, so bin ich geboren und so werde ich sterben. Lustig, wie wir Menschen alles benennen. Ist es somit greifbarer? Sind wir dann mächtiger? Oder, sind wir so wie wir sind und ich darf (oder muss) mich und dich kennenlernen und bedingungslos akzeptieren?

Ich bleibe.

Montag, Dienstag, Mittwoch – Gestern, Morgen, Heute – damals und abertausend Mal der Zwang der Zeit, den wir uns selbst auferlegen. Was ist die wirkliche Zeit? Jene die an meiner Wand getrieben vor sich her tickt oder jene die unsere Gelenke zieren und unsere digitalen Gegenüber komplettieren? Ich hege leise und laute Zweifel und es dämmert mir, dass der Zeitbegriff losgelöst von uns Menschen ist. Das Zeit immer schon da war und vielleicht immer da sein wird.

Fragend wende ich mich an Berge, Blätter, Blüten und Wurzeln, ich staune in jene Tiefe, die sich nicht messen lässt, nicht in Meter, nicht in Füssen, nicht in irdischen Massen. Vielleicht bin ich taub, vielleicht geblendet, dass ich die Antworten nicht erschliessen, nicht deuten kann und möglicherweise finde ich mich hohlen Fussstapfen gegenüber, die irgendwo und irgendwann bereits getreten wurden und geduldig auf mich warten bis ich folge. Die universelle Sprache wiegt mich in diese andere Realität, die ich wohlmöglich ersehne und im Wirbel des Lebens immer wieder erhasche. Wo sonst beleben mich solch tiefrote Augenblicke, die ja, unserer Zeit entledigt existieren oder in einer anderen Form sein dürfen?

Das reine Vertrauen, das Leben und Tod sich umgarnen, der See in seinem türkisen Gewand mehr ist als die sich schaukelnde Oberfläche mit seichten Wogen, die Strahlen nicht in mir Leben erwecken oder erlöschen, vielmehr in Unabhängigkeit zu mir stehen, vergehen und jeden Tag wieder von Neuem den Glanz in ihren Augen hervorheben, ihren Sternen Gehalt geben, ihr Herz in rhythmisches Pochen liebkosen; darin finde ich Dankbarkeit und Demut. Ich darf klein sein in der Gegenwart dieser Wunder. Ich getraue mich hinzusehen und zu fragen und werde warten.