Hinaus

Eines Tages muss ich gehen, hinausgehen, weggehen, mich verneigen und verabschieden. Mit beiden Beinen aus dem Karussell aussteigen und nur aus der Ferne wahrnehmen, wie es sich immer und immer wieder um die eigene Achse dreht, zurücklassen jene Formen und Figuren, die ich so gut kenne, die meinen Alltag prägen und bestimmen, in heiteren Farben und Klängen. Bis heute weiss ich weder die Regel noch das Ziel, ich glaube nur die Endgültigkeit zu ahnen, dass es zu Ende gehen wird. Was, zwischen Jetzt und Danach ist meine Aufgabe? Ist es ein Rätsel? Oder sind es Weltmeere, die sachte ineinander hineinschaukeln, Wogen wecken und sich über den Erdball erstrecken bis ich sie alle entdecke?

Vielleicht ist es ein schauriges Spiel und ein bezauberndes zugleich. Und vielleicht liegt die Aufgabe darin die Regeln aufzudecken und sich der scheinbaren Willkür hinzugeben. Vielleicht geht es darum anzunehmen, dass weder Anfang noch Ende mitbestimmt werden können. Alleweil scheint es mir mysteriös, tief beängstigend und dennoch irgendwie blendend. Ich kann nicht einmal in die Wagnis hineinraten, warum ich gerade in dieser Konstellation, mit diesen Attributen, diesen Menschen und zu dieser Zeit mitspielen darf oder muss. Vielleicht, oder gerade darum, unter diesen Gegebenheiten, möchte ich aussteigen.

Hinaus; mich getrauen. Von scheinbarer Sicherheit nach und nach Abstand gewinnen. Nicht der Sicherheit zum Trotz, sondern im Bewusstsein, dass sie trügerisch ist, uns bloss bis ans Ende geleitet, was ohnehin unvermeidbar ist. Eine Sicherheit, die vielleicht unsere Gefühle zu schonen versucht, dass sie nicht überschwappen, dass die Musik uns weiter heiter im Kreise dreht. Ich mache eine Bewegung hin zu all dem, was noch sein darf. Plötzlich stehe ich zwischen den Noten, die tanzen, mein Haar zerzausen, und streichle die Pferde Ade, küsse die harten Mähnen in Verbundenheit, denn ich ahne, auch wenn ich retourniere kreisen sie noch, auch wenn ich aus der Ferne schaue, auch wenn ich meine Augen schliesse, ja sogar, wenn ich nicht mehr bin. Schritt um Schritt entgegen dem Lauf, dann der Sprung, eine weiche Landung, etwas verloren, plötzlich draussen.

Was empfängt mich nun?

(Ich schmunzle ganz verborgen über mich selbst und über dieses Abbild. Ich erkenne Tage und Jahre, die ich bereits auf dem Karussell mitreite. Ich erkenne, dass sich selbst mein Körper, meine Gefühle und meine Denkweise auf dieses Kreisen abgestimmt haben. Ich erkenne, dass scheinbar so, so viel dafür spricht weiter zu drehen, immer fort, dann ist der Mensch sicher. Ich erkenne (noch nicht) alles und jeden, dass mich zurückhält. Weil wir alle die gleiche Angst pflegen.)

Also ist es vielleicht gar nicht meine Wahl, ob ich bleibe oder gehe.

Vorhänge

Davon weggehen, dass kenne ich. Da schmunzle ich gar etwas verstollen. Ich habe gelernt und erkannt, dass ich als erstes in Gedanken auf Distanz gehe. Ich habe entdeckt, dass ich meine Gedanken nutze, um die Stille zu füllen, um mich auszutricksen, damit ich mich nicht hingeben muss, um der Angst auszuweichen. Wenn der Gesang durch meinen Kopf eifert, dann im Dienste des Vermeidens. So auch die Gedanken, die so gerne schützen vor dem vermeintlich Schlimmen. Daraus resultiert ein sonderbares Schauspiel, und ich bin mittendrin. Bisweilen kann ich kaum unterscheiden, ob ich nun der Regisseur bin, der Hauptdarsteller oder eine Nebenattraktion. Aber es ist immer der gleiche Ablauf: die Sensoren meinen eine Angst zu erkennen, blitzschnell aktivieren sie den Alarm, dieser fährt seine ganzen Geschütze auf und verbarrikadiert sich gegen den Feind. Sie erkennen im Feind bereits einen solchen, abtrünnigen noch ehe er sich selbst als solchen identifiziert. Eigentlich sind die Gedanken Ursprung der Ängste.

So sitze ich dem Jungen gegenüber und erzähle ihm vom Ritter und vom Schloss und vom Drachen. Er findet Ruhe auf der roten Couch, lauscht, versetzt sich in den Rausch der Geschichte, sieht fortan die Rüstung um den Helden gewoben, das Schwert in dessen Hand, die Zuversicht im Kopf, nach dem Schatz strebend, verborgen hinter dicken Mauern, ahnt Reichtum, ahnt Besitz und einen Hauch Angst. Denn zwischen Schwertspitze und Schatz lungert das Monster mit feurigem Atem, haust alles, was er immer versteckt, tief in seinem Inneren, vergraben nicht was war, sondern was sein könnte. Alle fanatisch angerichteten Schablonen einer Welt, die aus der Wurzel der Angst Bestand finden. Hier die Mauern, die er selbst errichtet hat. Hier die sagenumwobene Pforte, so schwer und undurchdringlich, die Grauen verspricht. Hier die Zinken hinter welchen sich das Entsetzen verschanzt. Und tief verborgen im Verliess, hinter Drachen, Mauern, Pforte und Zinken, hinter Irrwegen, die nur darauf abzielen möglichst weit, weit weg zu entrinnen, hinter Zweifeln und törichten, inneren Bildern der schwarze Vorhang, der in Starre sich windet, mit ihm alle Hoffnung auf einmal verschwindet.

Bis die Wahrheit zu Lichte getragen, der Ritter erfährt, dass er sich nicht auflösen kann, durch den Vorhang hindurchprescht und sich dem Schmerz fügt, sein Schwert niederlegt, sein Herz in Händen trägt, mühevoll, nicht in Kraft, jedoch im Loslassen, die Angst sachte begräbt.

(Einfach geschrieben, schwieriger durchlebt…Vermeidung trägt so viele Gewänder)