An einen ganz spezifischen Montag

…an dem kein Mensch seinen Geburtstag lebt. Kein Greis, kein Mann im besten Alter, keine Mutter, kein Kind und kein kaum-Geborenes.  Kein erwartungsvolles Erwachen, keine Vorfreude, kein Bangen auf das Bevorstehende. Keine Einladungen, keine Freunde, keine Familie, kein Hipp-Hipp-Hurrah. Keine Feier, kein heiteres Gelage, kein Ballon, kein Kuchen, kein Geschenk. Kein wiederholtes „Happy Birthday“ im unabsichtlichen Kanon. Kein Geburtstag.

Ein Tag im Leben der Erde an dem sie keinen Geburtstag beherbergt (und alles stillsteht).

Liebe Erde, wie es dir wohl ergehen würde, wenn du eines Morgens erwachen und sodann feststellen würdest, dass du uns Menschen einen Tag schenkst an dem keiner von uns seinen Geburtstag feiert? Würdest du dich ganz dir selbst widmen, deine Haut im Sonnenschein erwärmen, deinen Atem über die Berge, die Täler und die Weiten des Nordens schicken und dein Herzen mit den Blumen und Wiesen verbünden, zum Tanz einladen und genüsslich einer dem anderen Geschichten zuflüstern? Oder würdest du dich all den nackten Füssen zuwenden, die dich tagtäglich kraulen, auf dir herumhüpfen, dich kitzeln und streicheln, und jedem einzelnen ein Dankeschön in die Gräser flechten? Würdest du wie ich die Stille geniessen und dich mit geschlossenen Augen durch deine unzähligen Abbilder tasten? So deinen Kopf durch die Nebeldecke heben, auf einem Baumstamm balancieren, mit ausgestreckter Hand den Vogel füttern und dem Wurm deine Beachtung in seinem Tun schenken? Oder würdest du dich ganz deinen Gefühlen widmen und jenen deren dich bewohnen? Würdest du es wagen jenes, dass wir als Trauer beschreiben zu durchforsten, dich darin zu baden, es auszukosten und zu weinen? Würdest du mutig deine Seele in Freude tränken, dein inneres Licht entblössen und nackt, laut lachend, voller Inbrunst durch die Länder streifen? Oder würdest du mit der Wut Bekanntschaft schliessen, sie in deinem Herzen einquartieren und leidenschaftlich die Anspannungen in dir wahrnehmen, die aufgestaute Energie und die brennende Kraft, die durch deine Zehen schiesst bis hinauf über deine Fingerspitzen hinweg? Oder würde es dich gelüsten ganz Angst zu sein, Angst zu leben, verkörpern, durchfühlen? Würdest du diesen Tönen und Farben nachjagen, die Ängste so gross und klein werden lassen, die Ängste entfachen, sie lodern und treiben lassen in Ideen, in Gedanken, in Vorstellungen? Oder würdest du dich den Fragen der Menschen  zukehren jene über den Sinn des Lebens, dem Sterben, dem Leben nach dem Tod, oder dem Nichts und dem Loslassen?

Ach liebe Erde, was könntest du nur in einem solch unausgeschöpften, geburtstagsfreien Tag nicht alles auskosten. Ich lache über dieses Bild, dass sich in meinen Gedanken abspielt, wie ich dir dabei zusehe, wie du über deine eigenen Spielplätze rennst, an jedem noch so winzigen Detail hängen bleibst, dich reingibst, erfährst, lernst und aus der Distanz nochmals einen Blick zurück wagst, vielleicht lächelst, vielleicht in Gedanken versunken bist, vielleicht eine Ahnung in dir trägst, warum Kinder abends nicht schlafen wollen, warum Teenager sich und ihre Eltern nicht verstehen, warum Erwachsene trotz allem nie ausgereift sind und warum Alte dem Sterben auch Frieden abgewinnen können. Aber du brauchst mir auf alle diese Fragen gar nicht zu antworten, denn ich erkenne es in deiner Zurückhaltung, ich spüre es in deinem Zaudern, ehe ich fertig gesprochen habe, haderst du, möchtest du selbst ein „aber“ aussprechen, und ich begreife dich und habe dich doch gerade darum so lieb, denn du möchtest gar keinen Tag erleben an dem nicht mindestens eine dir so vertraute  Seele seinen Geburtstag laut oder leise feiern darf.

Alles Gute zum Geburtstag auch dir liebe Erde. Danke, dass du für uns da bist und uns Leben schenkst.

Dialog mit einem Kastanienbaum

: Ist da Wut?
Gerade wachsen, hinauf schauen, verwurzelt dem Himmel entgegenstrecken.
: Oder lachst Du über die gebogene Kruste hinweg?
Augen, Beine, Arme gehören Dir, ich aber bin Wurzel, Stamm, Ast und Rinde.
: Kennst Du Wehmut, Trübsinn und Melancholie?
: Kennst Du den Tanz im Mondesschatten, im leisen Gewässer, im stehenden Puls und im Vergessen?
: Kennst Du die Namen der Berge, die Deinem Wachsen frönen, der Vögel, die Dich andächtig umkreisen und der getrübten Sonne, die durch den dichten Nebel nur ein sachtes Zwinkern für Dich übrig hat?
Oh lauschige Nacht, dichtes Grau, frohlockend die Tage, die Jahre, die Jahrzehnte, die mir entreissen, wer ich bin und schon immer war. Danke euch freien Gefährten, die mit Flügel schlagen, Botschafter der Weite sind und mit mir den schwindenden Tag feiern.
: Hörst Du mich, wenn ich mit dir um die Wette schweige und hinter geschlossenem Mund nach Dir schreie?
: Spürst du mich, wenn ich in Deiner Krone zerrinne, wie der Traum im Bach des Lebens?
: Kannst du meinen Atem sehen, wenn ich fahl, in Winters Mantel neben Dir stehe und Deine Blätter erahne?
Sei mir gegrüsst edler Freund.
Ich bin der Mutter Erde Willen ein treuer Zeuge der vorbeiziehenden Zeit, der Dich in Deiner Einzigartigkeit, in Deinem blauen Dasein, in Deinem Grauen Gehaar und Deiner vorgezogenen Liebe (hinter verborgenem Herz) nimmt, wie Du bist.
(Sachte weinend): Bleibst Du bei mir im Dunkel?
(Geräuschlos wimmernd): Hältst Du meine Hand im Anblick der Vergänglichkeit?
(Jetzt ruhig, ruhig, zart ruhig): Trägst Du meine Seele durch Dein Erdreich und hievst mich dem Firmament entgegen?
(Nunmehr im zeitlosen Frieden sich eingrabend): Darf ich Dein Kind sein und Dein beschützendes Geäst über mir erahnen?
(Erlöst, langsam einschlafend, der Atem stockt und rhythmisch entgleitet): Lieber, lieber Trost, lieber, lieber Baum, liebes Leben, ja, in Wurzel, ja, in Stamm, und Ast, und Krone…  – Endknospe.

Liebes Menschenwesen, im Selbstgespräch ertappe ich Dich, wie Du Dich von mir abkehrst, um sogleich zurückzukehren, um Geburt in all ihren Phasen zu durchleben. Ja getreues Herz, der Abschied ist das Ende einer gedeckten Tafel voller Gaben, wo unsere Horizonte vereint dem „nicht-Wissen“ gehorsam sind. Ich flüstere kein falsches Versprechen in Dein zartes Ohr, doch hab Vertrauen und lass uns dies gemeinsam aushalten.