Vita

An viele habe ich geschrieben, aber an dich noch nie. Wir haben uns nie kennengelernt. Wir werden uns nie kennenlernen.

Es war Samstag. Ich habe gewartet, aber nicht auf dich. Da warst du. Und dann warst du weg.

Ich kenne deine Geschichte nicht. Wenn ich versuche sie zu rekonstruieren, so weiss ich, dass ich dir nicht gerecht werde. Wie kann ich dir auch jemals gerecht werden? Wer weiss schon etwas über den Anderen, wirklich etwas? Also nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich nur den Schatten deines Lebens auf eine weisse Leinwand auftrage und dabei Farben und Ebenen vermische.

Wie ich da stehe, Pinsel in der Hand, überkommt mich dieses drückende Gefühl, das mich lähmt. Ich sehe, wie du heranwächst. Heran an jenes „Gross sein“, dass wir manchmal erstreben, manchmal ersehnen, niemals vollends erahnen und beschreiben können. Deine ersten Versuche es deiner Mutter gleich zu tun. Diese ungeschminkte Auseinandersetzung mit deiner Welt, das Zerwürfnis, der Frust, ein weiterer und noch ein weiterer Versuch, die Leichtigkeit und Befreiung als du es schaffst. Dich schwungvoll um die eigene Achse drehst, die Tiefen und Höhen berührst, lustvoll deine Weite begreifst und auskostest, ein Plätzchen da, eines dort erkundschaftest. Im Wind, Augen geschlossen, dieser Bruchteil ineinander verschachtelter Dimensionen, zusammengedrängt, um dir dieses grenzenlose Erleben zu gestatten…los, los du sachter, kleiner, ergebener.

Als wir uns begegnen hallen die unerreichbaren Glockenschläge noch in meinen Ohren. Es ist knapp 12 Uhr. Alles pfeift, frohlockt. Ich habe meinen Rucksack gepackt. Eine Kanne Tee, zwei Äpfel. Ich nehme dich nicht wahr, bloss dieses Geräusch. Als sich die Uhr eine Minute vorgeschoben hat, bist du nicht mehr. Ich sehe hilflos zu, wie du leidest und es schüttelt mich von Kopf bis Fuss. Jemand räumt dich aus dem Weg, aber niemand kann dir helfen. Die Räder rollen weiter. Ein kurzer Blick zurück. Irgendwo im Gebüsch erahne ich dich und fürchte deinen Anblick zugleich. Die Vögel pfeifen weiter als wäre nichts geschehen.

Ich weine still. Der Himmel müsste weinen, sich öffnen, die Strassen in einer Flut mit sich reissen. Die Menschen und Tiere müssten innehalten. Ruhe müsste sich breitmachen, in Respekt, in Erbarmen, im Mitgefühl, dass dich von dieser Welt trägt. Selbst die Gräser und der Wind müssten verstummen, ihr Spiel vertagen, damit das selbstlose Wachstum seine Ohren spitzen und in der Atempause des Lebens deinen Tod anerkennen könnte.

Aber die Zeit prescht vor, die Uhrzeit – es ist 12.02 Uhr und die Welt hat dich bereits vergessen. Ich kehre der Strasse den Rücken, drehe den Schlüssel im Schloss, entledige mich meiner Schuhe und lasse mich fallen. Gutgütiger, eine Spur hast du hinterlassen. Spuren verwischen, verwaschen. Ich kann den Moment nicht anhalten, bloss feststellen, dass es ihn gibt. Gab.

Heute gedenke ich dir. Lieber Unbekannter. Fühle mich in dieser Zeile verbunden.