Archiv der Kategorie: Gedankenmuster

Vorhänge

Davon weggehen, dass kenne ich. Da schmunzle ich gar etwas verstollen. Ich habe gelernt und erkannt, dass ich als erstes in Gedanken auf Distanz gehe. Ich habe entdeckt, dass ich meine Gedanken nutze, um die Stille zu füllen, um mich auszutricksen, damit ich mich nicht hingeben muss, um der Angst auszuweichen. Wenn der Gesang durch meinen Kopf eifert, dann im Dienste des Vermeidens. So auch die Gedanken, die so gerne schützen vor dem vermeintlich Schlimmen. Daraus resultiert ein sonderbares Schauspiel, und ich bin mittendrin. Bisweilen kann ich kaum unterscheiden, ob ich nun der Regisseur bin, der Hauptdarsteller oder eine Nebenattraktion. Aber es ist immer der gleiche Ablauf: die Sensoren meinen eine Angst zu erkennen, blitzschnell aktivieren sie den Alarm, dieser fährt seine ganzen Geschütze auf und verbarrikadiert sich gegen den Feind. Sie erkennen im Feind bereits einen solchen, abtrünnigen noch ehe er sich selbst als solchen identifiziert. Eigentlich sind die Gedanken Ursprung der Ängste.

So sitze ich dem Jungen gegenüber und erzähle ihm vom Ritter und vom Schloss und vom Drachen. Er findet Ruhe auf der roten Couch, lauscht, versetzt sich in den Rausch der Geschichte, sieht fortan die Rüstung um den Helden gewoben, das Schwert in dessen Hand, die Zuversicht im Kopf, nach dem Schatz strebend, verborgen hinter dicken Mauern, ahnt Reichtum, ahnt Besitz und einen Hauch Angst. Denn zwischen Schwertspitze und Schatz lungert das Monster mit feurigem Atem, haust alles, was er immer versteckt, tief in seinem Inneren, vergraben nicht was war, sondern was sein könnte. Alle fanatisch angerichteten Schablonen einer Welt, die aus der Wurzel der Angst Bestand finden. Hier die Mauern, die er selbst errichtet hat. Hier die sagenumwobene Pforte, so schwer und undurchdringlich, die Grauen verspricht. Hier die Zinken hinter welchen sich das Entsetzen verschanzt. Und tief verborgen im Verliess, hinter Drachen, Mauern, Pforte und Zinken, hinter Irrwegen, die nur darauf abzielen möglichst weit, weit weg zu entrinnen, hinter Zweifeln und törichten, inneren Bildern der schwarze Vorhang, der in Starre sich windet, mit ihm alle Hoffnung auf einmal verschwindet.

Bis die Wahrheit zu Lichte getragen, der Ritter erfährt, dass er sich nicht auflösen kann, durch den Vorhang hindurchprescht und sich dem Schmerz fügt, sein Schwert niederlegt, sein Herz in Händen trägt, mühevoll, nicht in Kraft, jedoch im Loslassen, die Angst sachte begräbt.

(Einfach geschrieben, schwieriger durchlebt…Vermeidung trägt so viele Gewänder)

Weg und Beginn

Der Schweiss, diese drückende Wärme von Innen, die Ellen hoch bis in die einzelnen Fingerspitzen. Klebrige Unterarme, und ein zarter Atem, der Momente verrückt. Der altbekannte, wiederkehrende Schauder, obschon es nicht friert, obschon. Grundlos. Sinn.

Was ist das für ein Leben? Ein Kind fragte einst: „warum gibt es Menschen?“. Wir beide wissen es nicht. Nicht die Nacht noch der Tag, blau im Sturm, der über die Bergwipfel fegt, dort ein Regenschauer, da ein Blitz, weit, weit die Sonne verbrannt. Was das Gelebte, was das Ungelebte? Ein Donner raunt über die dünne Schale, die mich umgibt. Was Täuschung, Fehlleitung, vorbei, ich sehe verschwommen die roten Blenden, ziehen um die Kurve, verblassen. Welchen Kurven ich wohl ausgesetzt war, sie mir aufsetzte wie Leitplanken, weil ich scheinbar nicht anders konnte, wusste?

Schuld zerfliesst; Verantwortung in den Riemen, die über meinen Rücken fahren. Mut Verantwortung zu leben. Mut zu leben. Mut, etwas Bisheriges umzustülpen, verkehrt zu tragen, zuzugehen, den Blitz zu fühlen, wie er den Raum durchtrennt, die blinden Äste in schweigender Nähe an die Handinnenfläche schmiegen lassen, und mit jedem weiteren Schritt den rotgefärbten Himmel in tausend Sequenzen, wie ein stetiges Blinzeln angesichts der Wirklichkeit, empfinden.

Die Sicherheit und Kontrolle, und jüngst die Mutter, die jene Angst erkannte und im Dialog die Flucht ergriff, in Gedanken, Impulsen, tausendfach gelebt. Ja, ich kenne sie. Lasse mich irreführen, führe mich irre, da ist es wieder verrückt. Und alles um jenes eine zu vermeiden: die Angst nicht mehr zu sein. Einmal mehr, mein Rot, zuoberst im Ampelschein, rundum Verbote, doch lieber Vorboten, lieber Wegweiser und Fremdenführer durch die Gefühle hindurch – „Leere, Liebe, Bewusstsein“. Mein Antrieb streicht mir liebevoll über meine Haare und flüstert in mein Ohr, Worte, die nur ich verstehen kann, lässt Fingerkuppen Haut berühren, die nur ich spüren kann, und lässt Verbundenheit in Licht und Schatten gewahr sein, wie nur ich es fühlen kann. Verbunden mit. Hallo.

Mondschichten

An diesem Heute herrscht der Vollmond. Und ich? Ich stehe darunter, fernab, schaue hinauf, den Kopf im Nacken und ein kalter Schauer fährt mir von den Fingerspitzen die Arme hoch. Ich schlucke und bemerke wie sich dieses Gefühl in mir ausbreitet, meine Schultern vibrieren leise und jeder Atemzug schüttelt mich. Hinter meiner Stirn löst sich ein scheinbar warmes Empfinden und eine seltsame Leichtigkeit entsteigt meinem Haupt. Ich kringle und plätschere innerlich und möchte mehr, mehr desselben. Meine Augenlider flimmern. Ich spüre einen Strom der mich ausdehnt und geschlossene, zarte Kreise, die sich um mich winden, endlose Schlaufen ziehen, und alles scheint sich zu drehen. Ich zittere still am ganzen Leibe.

Wenn ich loslasse verzieht sich mein Gesicht und demaskiert meine menschliche Gestalt. Gefühle jagen durch die unendlichen Dimensionen meines Erlebens und ein Sammelsurium derselben verwischt sämtliche Grenzen zwischen Freude und Trauer, Wut und Angst. Ich lache weinend eine Träne über meine gerümpfte Stirn, schreie Orkane ins Erwachen und ziehe mich zusammen, Säugling, kleines Wesen, weite Ferne; alles versagt, alles stockt, alles. Zurückbleibt die Gewissheit, dass Kontrolle eine Illusion ist und jene Auffassung, die im vollständigen Loslassen ein sanftes Entschlafen vermutet.

Ach, lieber Mond da oben: bist du frei? Warum umkreist du im vermeintlichen Gehorsam unsere Erde Tag für Tag? Du gibst dich diesen Begebenheiten hin, die unsere Ahnung, unser Wissen, ja uns Menschen übersteigen. Und ich? Ich stehe immer noch unter dir, fernab, schaue hinauf und fühle mich mit jedem Atemzug im Leben. Da schaudert es mich wieder. Und es bleibt mir nur die Einsicht, dass ich mich vor deiner Hingabe fürchte und mich in Widerstand fliehe. Und dennoch, ein leises „aber“ entgleitet meiner Seele und flüstert mir in wachsender Gewissheit Mut und Vertrauen zu…“lass es geschehen“.

Angst

Ha, Angst. Bist du mächtig. Oder ermächtige ich dich?  Mich interessiert die Frage: würde mehr fühlen bedeuten mehr Angst zuzulassen?  Lässt mich ein tieferes Empfinden intensiver in dich eintauchen?

Ich stehe gerne bis zu den Knien im Wasser, bis zur Hüfte, bis zur Schulter. Dann werde ich zögerlich. Sage es ist nicht mein Element. Möchte den Boden unter den Füssen spüren. Jenes Weitere macht mir Angst. Ich verliere den Halt. Ich weiss nicht was kommt. Ungewissheit. Meine Gedanken Färben die Lücken ein, sie sind tief schwarz, undurchschaubar, haben einen Sog, ziehen immer fort. Und so bleibe ich stehen. Da, wo es sich gut anfühlt. Da, wo ich in Sicherheit bin, Kontrolle habe, jenem aufsteigenden Gefühl noch rechtzeitig entfliehen könnte. Meine Beine würden mich dem rettenden Ufer näherbringen, ich könnte mich ausruhen, aus der Ferne beobachten. Aufatmen.

Ja – Angst. Dieses Aufhorchen meiner innersten Gewebe, die Körper, Geist und Seele umschnüren, den Draht spannen, beklemmen, so dass ich mit gestreckten Armen daran hänge. Unten das wirkende Bodenlose. Meine Kraft, die allmählich nachlässt, die ich aber nicht bemerke. So eindringend dieses Gefühl, überwältigend und betäubend. Das Rationale ertränkend, den Körper in den Notstand fehlleitend. Dem inneren Auffressen ausgeliefert. Dann der Ausbruch. Weil niemand dies möchte, weil niemand dies aushält. Vorher vermeiden, Fluchtwege erahnen, weg, weg, weg.

So mächtig bist du Angst. Treibst meine Gedanken ins Unendliche, manipulierst meinen Körper und vergiftest mein Handeln. So mächtig…wenn ich dich zulasse. Und darin bin ich gut, sehe ich doch deine gekünstelten Warnschilder noch ehe sie über den Horizont tänzeln, ja, ich meine sie bereits an der scheinbaren Vibration der Erde zu erahnen, und weiche.

Was nun, wenn ich auf dich zugehe? Was würde passieren? Wie gross kannst du werden?  Wie stark? Was passiert, wenn du alles in mir hochfährst und ich nicht kapituliere? Was bleibt? Was dann? Was danach? Sag es mir.

Liebe Angst, von tausend möglichen Begegnungen mit dir, graut es mir tausend Mal vor dir. Nicht ein einziges Mal würde ich dich herbeiwünschen. Gewiss bist du auch Warnung, möchtest Sicherheit schaffen, meinst es ja nur gut. Aber du beschränkst. Du schränkst ein. Du limitierst. Und ich mit dir. Ich limitiere mich in dem ich auf dich aufspringe, wie auf einen Güterzug, der den Schienen entlang gleitet, an jedem Waggon einen nächsten nach sich zieht, immer mehr, immer dunkler, immer schwerer, bis ich mich gequält entschliesse abzuspringen. Die Rettung, uff, geschafft. Oder bist du sogleich gewachsen? Habe ich gerade die Botschaft gesendet, dass wenn du dich so aufbauscht, ich mich füge, so, dass du mit der Zeit nur mit der Achsel zu zucken brauchst und ich bereits spure?

Nun stehe ich an der Schwelle. Wie so oft. Und frage mich, was, wenn ich mich dir hingebe? Was geschieht, wenn ich den Sand nicht mehr krallen kann und auf dich zugehe? Ich bin überzeugt, du hast einen Anfang und ein Ende. Ein Teil von mir möchte herausfinden, was nach dir kommt. Und dieser Teil spürt in entfernten Ecken Ruhe einkehren. Vielleicht das leise Summen im beschatteten Tal, von Felswänden umgeben, die sich recken, die stetig den Laut vorantreiben, über Felder gleiten, in Teiche eintauchen, und im heiteren Flügelschlag mit dem Wind Saltos schlagen. Vielleicht der wiederkehrende Kampf raus aus dem Geburtskanal, dann die Befreiung, und immer wieder ein geräuschloses Sterben. Ich möchte diesem Teil Gehör schenken.

Angst kommt und Angst geht – nimm mich mit auf deine Reise und lass uns gemeinsam entdecken, welche Weiten es noch gibt.

Zeit

Liebe Zeit.

Du bist mein Gebieter, ich dein Untergebener.

In diesem einzigen Moment, der jetzt ist, sogleich war, bin ich ganz bei dir. Innig verkrieche ich mich in deine offenen Arme und lasse mich von dir halten. Tief in mir drin weiss ich, dass du mich nicht fallen lässt. Wie auch? So wie ich an dir hänge, hängst du an mir. Wenn ich gehe, gehst auch du. Dann ist meine Zeit vorbei.

Liebe Zeit, eine Frage drängt sich mir auf. Was geschieht mit dir, wenn du vorbeizieht, nicht mehr bist? Wo gehst du hin? Die Zeit ist abgelaufen, vorbei, vergangen, sagen sie. Aber wohin bist du gelaufen, WOHIN bist du gegangen?

Liebe Zeit, ich glaube nicht, dass du dich plötzlich auflöst und dass du diese unzähligen Momente, die uns Menschen, ja, die ganze Welt umgarnen einfach mit dir in ein dunkles Loch mitnimmst.

Ich sehe, dass du und die Vergänglichkeit ein Bündnis geknüpft habt und sie dich gewissenhaft auf deinem Gang in unser Gestern begleitet.

Sind meine Erinnerungen bloss Spiegelungen dessen was einmal war und du lieber Freund kommst nicht mehr? Ja, du kommst nicht mehr; nicht mehr an meinen ersten Schultag, wohnst nicht meiner Maturität bei, zeigst dich nicht an meiner Hochzeit, traust dich nicht meinem Altern beizuwohnen, küsst mich nicht fürsorglich auf meine Stirn, wenn ich auf meinem Sterbebett liege – bist einfach vorbei. Hinterher entsendest du abermals deine Hirten, die wir Menschen zu Minuten und Stunden, zu Tagen und Jahren zwingen, mit der Absicht dich festzuhalten. Du aber lässt dich nicht festhalten, nein liebe Zeit, du schreitest voran, zuverlässig wie der Orion, der unsere Nacht hütet.

————————————————————————————-

Liebes Menschenkind

Du lässt es mir warm und kalt werden um mein Herz. Ich weiss um deine Gedanken. Sie hören sich an wie Sorgen. Sorgst du dich um mich oder um dich? Um mich mache dir bitte keine Sorgen, ich bin frei zu kommen und zu gehen, wie es mir behagt. Und um dich…wisse dich gesorgt.

So sehr du und deine Mitmenschen glauben mich festmachen zu können, so sehr vergewissere ich euch, dass ich nicht an Handgelenken oder an Wänden sichtbar werde, noch Kirchenuhren belebe oder den Geist eurer Chronik verkörpere. Dennoch lässt euch dieser Schein Vertrauen schöpfen im kurzweiligen Glauben mir Herr zu sein. Schau her, ich möchte dir etwas zeigen. Jene Erinnerungen, die du durchschreitest, leben mit jeder Hinwendung wieder in dir auf, solange du dies möchtest. Ich nehme dir nichts und ich gebe dir nichts. Suche in mir nicht einen Schuldigen für Vergangenes, noch weniger bezichtige mich deinen Versäumnissen. Was du mit mir machst, ist ganz dir überlassen.

Du hast dich getraut mich zu fragen, wohin ich gehe, wenn ich tagtäglich vorbeiziehe, so soll ich dir behutsam antworten, in dem ich dir eine kurze Geschichte erzähle: Als das prächtige Schiff mit gehissten Segeln seinen Hafen verliess, stand die Menschenmenge am Ankerplatz und nahm Abschied. Ein kleiner Junge hatte sich mit dem Rücken zu den Anderen vom ablegenden Schiff abgewendet. Da fragte ihn einer, „warum winkst du dem Schiff nicht zu, so wie deine Freunde? Möchtest du denn nicht Lebewohl sagen?“. Da hob der Junge seinen Kopf, richtete seine Augen nach oben und schaute dem Mann tief in die Augen, während dem er sagte: „aber Papa, ich möchte doch der Erste sein, der das Schiff erblickt, wenn es wieder auf diesen Hafen zusteuert“.

Vielleicht ist deine Frage des Wohin gar nicht so wichtig, wie du denkst. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Vertraue. Vertraue mir, dass wenn ich gehe, wenn ich mich verabschiede, dann prall gepackt mit deinen Erlebnissen, mit deinen Erfahrungen, mit deinen Schätzen, die Liebe in allen Farben kundtun und dem Lebensatem Zuwendung versprechen. Gleichwohl entreisse ich dir nichts, denn du hast mich beladen. Liebes Menschenkind, ich bin viel mehr als du vermutest und viel weniger als die Gesamtheit aller Wunder, die uns umgeben. Ich habe weder Anfang, noch Ende. Irgendwo da draussen bin ich dein Orion, bewache ich deine Schätze und bin immer für dich da.

Monstrolog: wenn Worte zerfliessen.

Und alle Freiheit und Liebe ersehnen – Gala.

Alle? Jeder? Die Gesamtheit aller Menschen? Wie viele wir wohl sind – wirklich sind? So viele Gesichter, Namen, Gewohnheiten, Geschichten, Erlebnisse, Höhen und Tiefen und alle suchen sie das Gleiche? Fehler: Verbindung fehlgeschlagen.

Was ist Geburt, was Leben, was Tod? Oder bin ich du und du bist ich?

Die ersten Flocken sind unweigerlich sichtbar. Wenn die Welt Kopf steht und sie die Kugel hält, schüttelt, mit geschlossen Augen weint, fällt der Schnee aufwärts, aber die Berge bleiben bestehen. Und die Wälder tummeln sich in Farben, sie kleiden sich für den Herbst, wie die kleinen Hörner, die ihre Gewänder wechseln, und wenn sie weint, bin ich berührt. Unter der Rinde vermute ich Leben, das uns bisweilen selbst verborgen scheint. Wo ihm Namen gebührt und ein kleines, kleines Herz um Gehör bittet, erhasche ich wenige Meter entfernt die Gämse. Was ist leiser, unmerklicher und doch da? Auf diesem Pfad und auf abertausend mehr gehen wir, laufen wir, stolpern wir – alle? Alle (glaube ich).

Die Urmenschen und wir, wir tun es ihnen gleich, sie sind von uns gegangen, wie auch wir gehen werden. Die Fragen bleiben zurück und wetzen sich an weiteren Seelen. Der Wind trägt sie in seinem Rausch und erinnert, dass wir möglicherweise alle aus dem gleichen Ursprung hervorgehen; Nagel, Finger, Hand, gewoben in einer Gesamtheit. Und eine Quelle ist Fluss, Anfang, Ende, und ich begleite ihre Trauer, jeden Tag die Kerze, der unausgesprochene Name auf ihren Lippen, Angst zu erlöschen.

Warm um hier Kraft, kalt, schauder Haut – vielleicht ist ja die Vergänglichkeit Antrieb und die Trauer Erinnerung, und die Suche nach Liebe und Anerkennung Aufgabe, und das Lächeln Ausdruck, und die Berührung auf der nackten Haut Verbindung und das Teilen Erweiterung und siebentausendmal das bewusste Ausatmen und dieser Wimpernschlag zwischen Realität und Schein, Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer. Wenn die Brüder spielen und die Mutter sie in ihrem Unwissen beschenkt, erinnert, und wir eine weitere Saison reicher und reifer sind, die Silhouetten des Lebens malen, staunen und sich die weisse Pracht legt bis zur nächsten Erschütterung…was ist ihre Aufgabe und was die meine?

Ich fliege mit geschlossenen Augen den Fels empor, erspähe unter mir das Rollen dem Pass entgegen, schwenke scharf rechts, unter mir Himmel, über mir der Eifer jedes Einzelnen sich selbst zu entdecken und zu verstehen. Sodann lasse ich mich fallen, Freiflug: im Vertrauen – auch sie trägt Schicht um Schicht, und auch hier liegt mir eine Vermutung nahe, dass sie Wirt ist und pflegt, die Hingabe nährt und wachsen lässt. In dieser grossen Welt bin ich ein Selbstentdecker wie jeder andere und niemand ist alleine.

Gesamt

Ich bin fünf Finger rechts, fünf Finger links, ein Strich und ein Kreis auf der blauen Leinwand nebst Wolke, Sonne, Regen; und Kehlen oben und unten, lang meine innere Säule, die mein Haus aufrecht hält; meine feinen Linien, die mich mich sein lassen, meine Haut zu Städten, Wälder und Bergen erwecken, dicht um meine Knochen gespannt, ich lache von Muskel zu Muskel und ziehe und drücke, Klappen auf und zu; meine Lunge arbeitet, zwei Flügel breit, innerer Fluss Zug um Zug, ist dies die Lebensluft?

Kanäle wandern, imitieren Ebbe und Flut, transportieren Gold, erwecken mich; ich verändere nicht, bin Beobachter und Entdecker – soll sich hier meine Seele spiegeln – im Glas reflektiert jener lichterlohe Kreis, formt sich graziös. Den Umdrehungen ausgeliefert atme ich die Gesamtheit ein, mehr kann ich nicht.

Oh, alle haben sie Namen, meine Kleinsten und meine Grössten Hammer und Amboss,  Blätter und Eichel, Zehen und Rippen, … Ich geniesse mein Sein in meiner Vollkommenheit auch ohne Namen, Prägung, Markierung, so bin ich geboren und so werde ich sterben. Lustig, wie wir Menschen alles benennen. Ist es somit greifbarer? Sind wir dann mächtiger? Oder, sind wir so wie wir sind und ich darf (oder muss) mich und dich kennenlernen und bedingungslos akzeptieren?

Ich bleibe.

Montag, Dienstag, Mittwoch – Gestern, Morgen, Heute – damals und abertausend Mal der Zwang der Zeit, den wir uns selbst auferlegen. Was ist die wirkliche Zeit? Jene die an meiner Wand getrieben vor sich her tickt oder jene die unsere Gelenke zieren und unsere digitalen Gegenüber komplettieren? Ich hege leise und laute Zweifel und es dämmert mir, dass der Zeitbegriff losgelöst von uns Menschen ist. Das Zeit immer schon da war und vielleicht immer da sein wird.

Fragend wende ich mich an Berge, Blätter, Blüten und Wurzeln, ich staune in jene Tiefe, die sich nicht messen lässt, nicht in Meter, nicht in Füssen, nicht in irdischen Massen. Vielleicht bin ich taub, vielleicht geblendet, dass ich die Antworten nicht erschliessen, nicht deuten kann und möglicherweise finde ich mich hohlen Fussstapfen gegenüber, die irgendwo und irgendwann bereits getreten wurden und geduldig auf mich warten bis ich folge. Die universelle Sprache wiegt mich in diese andere Realität, die ich wohlmöglich ersehne und im Wirbel des Lebens immer wieder erhasche. Wo sonst beleben mich solch tiefrote Augenblicke, die ja, unserer Zeit entledigt existieren oder in einer anderen Form sein dürfen?

Das reine Vertrauen, das Leben und Tod sich umgarnen, der See in seinem türkisen Gewand mehr ist als die sich schaukelnde Oberfläche mit seichten Wogen, die Strahlen nicht in mir Leben erwecken oder erlöschen, vielmehr in Unabhängigkeit zu mir stehen, vergehen und jeden Tag wieder von Neuem den Glanz in ihren Augen hervorheben, ihren Sternen Gehalt geben, ihr Herz in rhythmisches Pochen liebkosen; darin finde ich Dankbarkeit und Demut. Ich darf klein sein in der Gegenwart dieser Wunder. Ich getraue mich hinzusehen und zu fragen und werde warten.

GtotOmat

Ich kann nicht leugnen, dass ich gedenke und noch immer auf eine Antwort warte. Gleichwohl ist sie für mein Leben nicht relevant, sondern für das ihre, für ihren Glauben, für ihr Erinnern, für ihre Sinnhaftigkeit. Sie befindet sich im gefüllten Trog mit ihresgleichen. Jene die sich an Antworten klammern oder jene, die sie abstossen. Ich lese aus ihren Worten Enttäuschung, Trauer, Wut.

Ich fahre mit meinem Finger dem Spektrum hoch und runter, in inneren Bildern lenke ich mein Bewusstsein auf diese verschiedenen Lebenspfade und -einstellungen. Da begegnet sie mir wieder, in anderer Gestalt, umhüllt von Heiterkeit und Zuversicht. Ich erahne Glaube und die prägenden Erfahrungen, die heute helfen Wege für andere Menschen zu festigen und erleuchten. Ich sehe Gegebenheiten und den Menschen in deren Bann und staune – wie ich diese Eigenschaft lieb hab. Und wie ich sie beide in einer anderen Herzkammer entdecke und lieb hab, so wenn sie den Schmerz vermeiden und im dunklen Humor vergraben, Energien bündeln und das Netz beleben und instruieren, um einem anderen Halt zu geben. In der eigens dafür eingerichteten Ecke ruht der Junge, auf dem Spielplatz fühlt er sich sicher, an der Wandtafel weiss ich den Morgengruss zu erhaschen, so gütig und reich an inneren Weiten, die Tränen und Lacher sein dürfen.

Jedes Universum entdecke ich jeden Tag, wenn ich meine Augen und Ohren öffne. Inmitten diesen Welten stehe ich still und verbinde mich. Ich vernehme eine Vibration, die mich jeden Ring sein lässt, von der Wurzel bis zum Blatt. Da stehen wir nun beide im Strassenlicht. Und wenn ich dich berühre, was empfindest du? Und wenn ich mich bewege, wo sind deine Gedanken? Ich danke ihrer Ehrlichkeit und ihrer Offenheit, ihrer Unsicherheit und ihren gestreuten Farben, ich danke dir oh Mensch und Baum, so ähnlich, so gleich sind wir.

Die Saiten sind meine Mitwisser, die Strahlen meine Komplizen, die Sehnsucht mein Anhänger, der letzte Atemzug mein Freund, die Zuversicht und die Liebe meine Verbündeten. Alles ist.

Un

Unreflektiert, schnell, aus dem Ärmelkanal geschüttelt, aus der Lunge gehustet, aus den Ohren geatmet, völlig unbesinnlich und weit von mir entfernt. Oder doch nicht? In einer Rage oder ausserhalb eines Zaunes? Oder sagt man Gitter? Vielleicht könnte man die Fernseher hinter Gitter verbannen. Ich wäre dafür. Oder die Erfindung rückgängig machen. Was hätten wir zu verlieren? Nervige Werbungen oder opulente Selbstdarstellungen? Die Vereinsamung in den eigenen vier Wänden? Vielleicht werfen wir das Internet auch gleich in dieselbe Tonne, oder die Mobiltelefone, oder beides, oder sind es die Selbstdisziplin, die Selbstliebe, das Selbstverständnis, dass das „Leben offline ist“ – danke René – die fehlen? Ich weiss es nicht, heute nicht, morgen nicht, oder vielleicht doch? Ich zucke mit der Schulter, wie der Kleine: „ich weiss es nicht“. Schwachsinn, klar weiss er es, er möchte es sich nur nicht selbst eingestehen. Vielleicht ist er noch nicht bereit dazu, vermutlich kennen wir dies alle auch. Pech gehabt. Gehe ich eben schlafen, in Frieden ruhen; einfach, jetzt wo meine Gedanken und Gefühle der Leichtigkeit Spalier stehen.

Wieder einmal in das Unbedeutsame verfallen – who cares? Draussen scheint die Sonne und ich lasse mich von ihr blenden – what more do I want? What more can I ask for?

Lustig, jetzt tanzen sie wieder und ich lasse los, endlich.