Dialog mit einem Kastanienbaum

: Ist da Wut?
Gerade wachsen, hinauf schauen, verwurzelt dem Himmel entgegenstrecken.
: Oder lachst Du über die gebogene Kruste hinweg?
Augen, Beine, Arme gehören Dir, ich aber bin Wurzel, Stamm, Ast und Rinde.
: Kennst Du Wehmut, Trübsinn und Melancholie?
: Kennst Du den Tanz im Mondesschatten, im leisen Gewässer, im stehenden Puls und im Vergessen?
: Kennst Du die Namen der Berge, die Deinem Wachsen frönen, der Vögel, die Dich andächtig umkreisen und der getrübten Sonne, die durch den dichten Nebel nur ein sachtes Zwinkern für Dich übrig hat?
Oh lauschige Nacht, dichtes Grau, frohlockend die Tage, die Jahre, die Jahrzehnte, die mir entreissen, wer ich bin und schon immer war. Danke euch freien Gefährten, die mit Flügel schlagen, Botschafter der Weite sind und mit mir den schwindenden Tag feiern.
: Hörst Du mich, wenn ich mit dir um die Wette schweige und hinter geschlossenem Mund nach Dir schreie?
: Spürst du mich, wenn ich in Deiner Krone zerrinne, wie der Traum im Bach des Lebens?
: Kannst du meinen Atem sehen, wenn ich fahl, in Winters Mantel neben Dir stehe und Deine Blätter erahne?
Sei mir gegrüsst edler Freund.
Ich bin der Mutter Erde Willen ein treuer Zeuge der vorbeiziehenden Zeit, der Dich in Deiner Einzigartigkeit, in Deinem blauen Dasein, in Deinem Grauen Gehaar und Deiner vorgezogenen Liebe (hinter verborgenem Herz) nimmt, wie Du bist.
(Sachte weinend): Bleibst Du bei mir im Dunkel?
(Geräuschlos wimmernd): Hältst Du meine Hand im Anblick der Vergänglichkeit?
(Jetzt ruhig, ruhig, zart ruhig): Trägst Du meine Seele durch Dein Erdreich und hievst mich dem Firmament entgegen?
(Nunmehr im zeitlosen Frieden sich eingrabend): Darf ich Dein Kind sein und Dein beschützendes Geäst über mir erahnen?
(Erlöst, langsam einschlafend, der Atem stockt und rhythmisch entgleitet): Lieber, lieber Trost, lieber, lieber Baum, liebes Leben, ja, in Wurzel, ja, in Stamm, und Ast, und Krone…  – Endknospe.

Liebes Menschenwesen, im Selbstgespräch ertappe ich Dich, wie Du Dich von mir abkehrst, um sogleich zurückzukehren, um Geburt in all ihren Phasen zu durchleben. Ja getreues Herz, der Abschied ist das Ende einer gedeckten Tafel voller Gaben, wo unsere Horizonte vereint dem „nicht-Wissen“ gehorsam sind. Ich flüstere kein falsches Versprechen in Dein zartes Ohr, doch hab Vertrauen und lass uns dies gemeinsam aushalten.