Regenfluss

Ich habe den lüsternen Regen ausgesperrt. Die Fenster geschlossen, ihm keinen Einlass geboten. Das fahle Licht der Strassenlaterne hingegen gewährt dem triefenden Nass sich zur Schau zu stellen. Ich kann nicht erkennen , ob die einzelnen Tropfen einem Dirigenten gehorsam sind oder sich ihrem unaufhörlichen Lauf genügsam hingeben. Meine Seite der Scheibe entfacht ein stilles Bild , ein sich bewegendes, aber tonloses Bild. Ich stelle das Mikrofon behutsam auf den Fenstersims und möchte den Geschichten des Regens lauschen. Hierfür öffne ich die Flügel einen Spalt breit, gerade ausreichend, um den Regen in seinem Bann zu halten und dennoch seine Melodie zu vernehmen. Das Blatt hat sich gewendet, nun bin ich derjenige, der einer Gier nachgibt – ich bin besessen davon dem Regen in dessen Seele zu blicken, jede noch so feine Vibration aufzuzeichnen, mich in seine Haut einzuflechten und zu verschmelzen. Da zeichnet der Kassettenrekorder ein leises Surren auf, das Licht flackert, jetzt regnet es seitwärts. Ein Sirren erklingt und geleitet mich über die fernen Saiten einer Harfe. Das aufsteigende Summen bebt in meinem Inneren, ein Klangkörper, der erwacht; orientalische Malereien und mein Atem flacht ab, die Klänge bilden eine Symphonie – so nah. Sie erzählt den Weg des Regens, der Anfang und Ende nicht kennt. Sie unterstreicht betont den wilden Ritt über Berge, Seen und Felder, beharrt auf den lauten Tonfall von Pauken und Trompeten, der mit dem Wind die Wellen gegen die Hafenwand peitscht. Als die Streicher ihre Bögen sachte schwingen, kann ich das Flüstern der nun schleppenden Tropfen ausmachen, die anmutig und dennoch unaufhaltsam fallen. Sie haften einzeln an der Scheibe und ich berühre sie sachte. Ihre letzten Worte höre ich in meinem Herzen: „wir fliessen in Bächen und in Flüssen vereint , miteinander, aneinander, niemals getrennt. Fliesse auch du in der Symphonie des Lebens, voller Hingabe und Neugier“. Der Kassettenrekorder steht still und doch bewegt sich etwas in mir immer weiter und weiter.