Halt

Einst war ich Kind, einst Teenager, später ein junger Mann. Und heute sitze ich hier, Christina singt „I’m only human“, und ich denke über das Menschsein nach. Was verbindet uns Menschen?

Ich stosse auf einen fest verankerten Gedanken: Wo es weiss weht, der Wind in Frieden erwacht und sich schlafen legt, unnahbare Polarlichter den Himmel zieren, der Friede selbst in vollkommenem Einklang schlummert, hier träume ich in die Ferne und bin doch ganz nah, ganz nah bei mir; bei dir. Weisst du, wenn ich mein Gewicht an die Welt abgebe und bedürfnislos bin, einfach nur bin, nur mit dir bin, dann könnte ich in Frieden sterben.

Die Gegenwart ist mein Zuhause: du erfüllst die nackten Räume mit Leben und lässt mich die wahren Werte erkennen. Ja, Lebensräume, Lebensträume, du Herzensmensch. Ich will ehrlich sein und die Vertiefung in meiner inneren Dreifaltigkeit offenbaren und ausmalen. Erkennst du jenes Muster? Auf dem gefrorenen See ruht deine Seele und auf meinen Händen trage ich deine Unschuld. Auf einmal bin ich ein Fels und ein Rascheln zieht durch die Äste. Aus dem Echo des Universums entnehme ich die Resonanz all jener Dinge, die sind. Und wie ich hier mit dir bin, rinnen kristallerne Tropfen durch mein Wesen und rufen jenes Urvertrauen hervor, das immer war, ja immer ist.

Genauso.

Für einmal zerfallen sämtliche physischen Grenzen zwischen zwei Menschen und ich fühle die Verschmelzung in der Annäherung unserer Herzrhythmen aneinander, der stille Atem nährt, das Loslassen des Körpers im Vertrauen, Saiten, die immer und immer wieder meine unsichtbare Melodie erzählen und unsere Seelen sanft streicheln.  Ich werde gebraucht. Ich wage in mir Sohn, Bruder, Vater, Grossvater zu erkennen, ja, Freund und Mann. Ich trage in mir das Leben mit all seinen Kapiteln. Und ich trage dich. Bedingungslos, auf allen Schichten des Menschseins.

Seltsam. Du bist weder schwer noch leicht, weder Gesicht noch Hand, Fuss, Rücken, Hals oder Brust, weder bist du Namen noch Geburtstag, du bist nicht Stimme noch Klang, noch glatte, raue, lernende Haut, du bist viel mehr. Ich ertappe mich zu denken, dass du die farbenfrohe Welt deiner Gedanken, Ideen und Fantasien bist, dass in dir der Abdruck sämtlicher Gefühle nach Spiegelung und Erscheinung lechzt und du Liebe, Vernunft, Ärger, Übermut, Eifersucht, Neid, Trauer und viele andere bist. Aber ich irre mich, du bist viel mehr. Und wie es mir dämmert, zerfliessen die Widerstände, ich nehme dieses Geschenk demütig entgegen, fallen die Mäste des Zweifels, und ich gehorche der universellen Sprache:

„Du bist überall und alles, im tauenden Schnee sehne ich dich, im Morgenlicht fährst du mir liebevoll über den Rücken, im tropfenden Himmel strecke ich mich zu dir empor, im raunen der Weltmeere staune ich in die offenen Tore deiner Vielfältigkeit hinein. Du bist überall und alles.“

Ich glaube, dass ich noch vieles zu lernen habe.