Raum der Stille

Mein Haus, fernab des Lärms, auf Augenhöhe mit dem Horizont, flankiert von zwei hochgewachsenen Birken, liebevoll umzäunt, beherbergt einen Raum der Stille. Mein Heiligtum ist eingebettet in eine Aneinanderreihung mehrer Räume, die meinem Körper und meiner Seele ein Heim schenken. Fast fühle ich mich hier als Vogel, kann links wie rechts, Flügel gestreckt in den tragenden Wind mich fallen lassen und immer wieder in mein Nest zurückkehren. In feine Lebensäste gegliederte Wurzeln erzählen Geschichten, ihre Bäume nähren sich von Sonne und Erde, und geben im Verlaufe des Tages stets andere Dünste von sich. Ein dezentes Aroma , das ich gewiss nicht abstreifen möchte, leckt an mir. Ich rieche, ich sehe, ich höre. Des Öfteren frage ich mich, ob ich aus dem Fenster schaue oder ob die Natur durch das Fenster meiner Seele in mich hinein schaut.

Meine Fingerspitzen klopfen liebevoll gegen das Holz, beinahe um mich daran zu erinneren, dass wir wirklich sind. Sachte kraule ich mein Haus. In dieser Liebesgeschichte lauschen wir gemeinsam sich in den Schlaf wiegenden Birken, gewähren dem Mond mit unserer Anwesenheit ein Schattenspiel und zählen aus dem emporsteigenden Rauch auf des Schornsteins Erhebung glitzernde Sterne. Genau hier, auf diesem Grund stehe ich und atme.

Ich schmunzle im Einklang mit dem Universum als ich die Schwelle übertrete. Wir sind uns einig, dass es kein Hallo mehr braucht. Herz und Herz umgarnen sich. Worte erübrigen sich. Ich weiss dasselbe ist wahr in meinem mir geweihten Raum inmitten dieses Hauses. Es ist ein Raum, der in all diesen Jahren keinem einzigen, gesprochenen Wort horchte. Kein Gesetz hängt an diesen Wänden, kein Zwang, der zum wortlosen Dialog mit der Welt anhält, nichts mehr als das tiefe Sehnen sich der Stille hinzugeben. Wir könnten uns darüber unterhalten, welche zarten Worte der Verliebtheit jenem Raum vorenthalten wurden, welche Hass durchtränkten Worte keinen Empfänger fanden und welches zierliche Geflüster vergeblich einem Echo lauschte. Ich jedoch schliesse lediglich die Tür hinter mir und vergesse im selben Augenblick, dass es eine Sprache gibt; gesprochen, geschrieben, leer. Es ist nunmehr die Begegnung mit mir selbst – die Stille bin ich.

(Auch Du bist herzlich willkommen! Sobald weitere Herzen sich dazugesellen, keimt die blosse Freude an der Zusammenkunft. Die Stille selbst ist nicht getrennt , wächst nicht , wird nicht kleiner, lässt sich nicht locken oder zähmen, sondern ist; ist einfach, ist bedingungslos, ist alles. Und so, als wir uns in reiner Anwesenheit entgegentreten ist Raum nicht mehr, fällt Blick durch Blick und reisst mit sich jede menschliche Idee von Zeit. Keine Worte können uns hierhin folgen. Wir lösen uns auf und sind in Frieden nichts und niemand, und alles zugleich.)