
{"id":92,"date":"2016-12-29T20:30:09","date_gmt":"2016-12-29T20:30:09","guid":{"rendered":"http:\/\/atehundred.ch\/?p=92"},"modified":"2017-01-02T08:01:48","modified_gmt":"2017-01-02T08:01:48","slug":"an-einen-ganz-spezifischen-montag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=92","title":{"rendered":"An einen ganz spezifischen Montag"},"content":{"rendered":"<p>&#8230;an dem kein Mensch seinen Geburtstag lebt. Kein Greis, kein Mann im besten Alter, keine Mutter, kein Kind und kein kaum-Geborenes.\u00a0 Kein erwartungsvolles Erwachen, keine Vorfreude, kein Bangen auf das Bevorstehende. Keine Einladungen, keine Freunde, keine Familie, kein Hipp-Hipp-Hurrah. Keine Feier, kein heiteres Gelage, kein Ballon, kein Kuchen, kein Geschenk.\u00a0Kein wiederholtes &#8222;Happy Birthday&#8220; im unabsichtlichen Kanon. Kein Geburtstag.<\/p>\n<p>Ein Tag im Leben der Erde an dem sie keinen Geburtstag beherbergt (und alles stillsteht).<\/p>\n<p>Liebe Erde, wie es dir wohl ergehen w\u00fcrde, wenn du eines Morgens erwachen und sodann feststellen w\u00fcrdest, dass du uns Menschen einen Tag schenkst an dem keiner von uns seinen Geburtstag feiert? W\u00fcrdest du dich ganz dir selbst widmen, deine Haut im Sonnenschein erw\u00e4rmen, deinen Atem \u00fcber die Berge, die T\u00e4ler und die Weiten des Nordens schicken und dein Herzen mit den Blumen und Wiesen verb\u00fcnden, zum Tanz einladen und gen\u00fcsslich einer dem anderen Geschichten zufl\u00fcstern? Oder w\u00fcrdest du dich all den nackten F\u00fcssen zuwenden, die dich tagt\u00e4glich kraulen, auf dir herumh\u00fcpfen, dich kitzeln und streicheln, und jedem einzelnen ein Dankesch\u00f6n in die Gr\u00e4ser flechten? W\u00fcrdest du wie ich die Stille geniessen und dich mit geschlossenen Augen durch deine unz\u00e4hligen\u00a0Abbilder tasten? So deinen Kopf durch die Nebeldecke heben, auf einem Baumstamm balancieren, mit ausgestreckter Hand den Vogel f\u00fcttern und dem Wurm deine Beachtung in seinem Tun schenken? Oder w\u00fcrdest du dich ganz deinen Gef\u00fchlen widmen und jenen deren\u00a0dich bewohnen? W\u00fcrdest du es wagen jenes, dass wir als Trauer beschreiben zu durchforsten, dich darin zu baden, es auszukosten und zu weinen? W\u00fcrdest du mutig deine Seele in Freude tr\u00e4nken, dein inneres Licht entbl\u00f6ssen und nackt, laut lachend,\u00a0voller Inbrunst durch die L\u00e4nder streifen? Oder w\u00fcrdest du mit der Wut Bekanntschaft schliessen, sie in deinem Herzen einquartieren und leidenschaftlich die Anspannungen in dir wahrnehmen, die aufgestaute Energie und die brennende Kraft, die durch deine Zehen schiesst bis hinauf \u00fcber deine Fingerspitzen hinweg? Oder w\u00fcrde es dich gel\u00fcsten ganz Angst zu sein, Angst zu leben, verk\u00f6rpern, durchf\u00fchlen? W\u00fcrdest du diesen T\u00f6nen und Farben nachjagen, die \u00c4ngste so gross und klein werden lassen, die \u00c4ngste entfachen, sie lodern und treiben lassen in Ideen, in Gedanken, in Vorstellungen? Oder w\u00fcrdest du dich den Fragen der Menschen \u00a0zukehren jene \u00fcber den Sinn des Lebens, dem Sterben, dem Leben nach dem Tod, oder dem Nichts und dem Loslassen?<\/p>\n<p>Ach liebe Erde, was k\u00f6nntest du nur in einem solch unausgesch\u00f6pften, geburtstagsfreien Tag nicht alles auskosten. Ich lache \u00fcber dieses Bild, dass sich in meinen Gedanken abspielt, wie ich dir dabei zusehe, wie du \u00fcber deine eigenen Spielpl\u00e4tze rennst, an jedem noch so winzigen Detail h\u00e4ngen bleibst, dich reingibst, erf\u00e4hrst, lernst und aus der Distanz nochmals einen Blick zur\u00fcck wagst, vielleicht l\u00e4chelst, vielleicht in Gedanken versunken bist, vielleicht eine Ahnung in dir tr\u00e4gst, warum Kinder abends nicht schlafen wollen, warum Teenager sich und ihre Eltern nicht verstehen, warum Erwachsene trotz allem nie ausgereift sind und warum Alte dem Sterben auch Frieden abgewinnen k\u00f6nnen. Aber du brauchst mir auf alle diese Fragen gar nicht zu antworten, denn ich erkenne es in deiner Zur\u00fcckhaltung, ich sp\u00fcre es in deinem Zaudern, ehe ich fertig gesprochen habe, haderst du, m\u00f6chtest du selbst ein &#8222;aber&#8220; aussprechen, und ich begreife dich und habe dich doch gerade darum so lieb, denn du m\u00f6chtest gar keinen Tag erleben an dem nicht mindestens eine dir so vertraute \u00a0Seele seinen Geburtstag laut oder leise feiern darf.<\/p>\n<p>Alles Gute zum Geburtstag auch dir liebe Erde. Danke, dass du f\u00fcr uns da bist und uns Leben schenkst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;an dem kein Mensch seinen Geburtstag lebt. Kein Greis, kein Mann im besten Alter, keine Mutter, kein Kind und kein kaum-Geborenes.\u00a0 Kein erwartungsvolles Erwachen, keine Vorfreude, kein Bangen auf das Bevorstehende. Keine Einladungen, keine Freunde, keine Familie, kein Hipp-Hipp-Hurrah. 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