
{"id":73,"date":"2017-05-09T20:45:29","date_gmt":"2017-05-09T20:45:29","guid":{"rendered":"http:\/\/atehundred.ch\/?p=73"},"modified":"2017-05-09T20:45:29","modified_gmt":"2017-05-09T20:45:29","slug":"fern-aller-erde-baum-mensch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=73","title":{"rendered":"Fern aller Erde, Baum, Mensch"},"content":{"rendered":"<p>Das allein Sein auf einem Planeten, fernab von Heim und Frau und Kind. Ich kann es weder sprechen, noch fl\u00fcstern, schreien oder beten, weder schreiben noch singen. Ja, Schreie ausstossen m\u00f6chte ich, meterhohe Gef\u00fchle malen, Orkane herbeisp\u00fcren, das Rauschen b\u00e4ndigen und die Stille ausf\u00fcllen, weil ich es nicht halten, nicht aushalten kann.<\/p>\n<p>Innerlich diese abgrundtiefe Angst, Gefangenschaft, ertrinken. Was wenn es keine Worte gibt, keine fassbaren Stricke, keinen menschlichen Ausdruck\u00a0dieses \u00fcberw\u00e4ltigenden Erlebens?<\/p>\n<p>Wo anfangen? Wo kein Ende in Sicht. Die Rundungen, getrieben, sich jagend und streckend bis der Horizont sie verschluckt. Links, wie rechts, derselbe graue, staubige Teppich. Mein Blick, nach vorne gerichtet, leicht gesenkt, nur die Augen sich bewegen, die Lider ungeachtet loszulassen scheinen.\u00a0 Es atmet durch mich, es pulsiert in mir, irgendwo in der Ferne die fallende Herzfrequenz, und tief in meinem Inneren, beherbergt und doch ungehalten, ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Keine anderen. Ich, in der Weite der Ferne. In der Weite der Fremde. Der Weite ausgeliefert. So als ob weder Zeit noch Raum, noch die Essenz existieren w\u00fcrden. Wenn ich mich auf allen Kan\u00e4len vollends verschliesse bleibt mir\u00a0die Illusion eines fl\u00fcchtigen Moments erhalten. In\u00a0dieser einsamen Sekunde kann ich mich aus den erstarrten Flocken heraustanzen, meinen K\u00f6rper ausdehnen und jede einzelne Himmelsfaser ungedacht und unbegrenzt in mir empfangen. Die Unendlichkeit bestaunen, die sich mir anschmiegt und mich ohne Argwohn verbindet. Dem zarten Kristall lauschen, wie er fallen k\u00f6nnte, und dieser t\u00e4uschenden Zeit gerecht werden. Gedankenspiele. \u00a0Ein schweres, langgezogenes &#8222;Ach&#8220;. Der gedrosselte Atemstoss, der nicht vernehmbare Klang und immer noch der endlose Kosmos, sich kr\u00fcmmend, falzend und w\u00f6lbend.<\/p>\n<p>Das ungehorsame Schweigen das hier und jetzt zerbricht, wenn ich meinen Mund \u00f6ffne und doch keine Laute spreche. Und wie sie gefallen sind, wie die Verprassten, und ich nur diesem Gef\u00fchl Geleit schenke, so entbinde ich mich jenen Schichten, die mich \u00fcber Jahre, unter dem Vorwand mich zu sch\u00fctzen, verdeckten.\u00a0Die F\u00e4den l\u00f6sen sich\u00a0aus jenem Garn, der mich in Normen verwickelte, in Erwartungen und Haltungen und fremden Moralen.\u00a0In diesem Vakuum zieht eine Stimme in einer ungeheuren Reinheit Frieden herbei bis ich mich diesem Gef\u00fchl ganz hinzugeben vermag.<\/p>\n<p>Tiefer, tiefer, immer tiefer. Der Fall. Oder das ewige Halten und nicht loslassen k\u00f6nnen. Angst vor dem, was da kommen mag. Hier trennt sich der Schatten vom Licht. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. &#8230; Oh. Ein Hauch. Langsam darauf zu oder davon weg. Langsam wird es dunkel, die W\u00e4nde reissen sich gegenseitig immer fort, wohin ich schaue T\u00fcren und Tore, Gitter und Fallen, kopf\u00fcber, seltsam verkehrt. Alle Wege sind pl\u00f6tzlich Irrwege. Die Schrift verschwimmt, der Atem rinnt, der Puls entweicht, die Haare legen sich Quer \u00fcber die Haut, die N\u00e4gel verblassen, der Lippenduft wendet sich sanftm\u00fctig der Leere entgegen, und niemand und nichts ersetzen die eigene Lehre. Wie ich so Schritt um Schritt einen Gang durchstreife blicke ich zur\u00fcck auf mein Leben und z\u00e4hle jeden Finger in Andacht an jede Note, jedes Wort, jeden holden Muskel in An- und Entspannung, die gekr\u00fcmmte Seite eines einzelnen Atemzugs, und streife ab was war. Und gehe weiter. In durchzogenen, farbigen, kaum sichtbaren Streifen bewegt sich der Moment vorw\u00e4rts, oder scheint zu verharren als ich mich ihm n\u00e4here. Eine Abhandlung der Vergangenheit, die sich immer wieder an mich schmiegt, meinen Schritten ein Echo verleiht und mich in ihre Arme locken m\u00f6chte. Ungeachtet dessen oder mit dem t\u00e4uschenden Blick \u00fcber die Schulter, oder dem h\u00e4ngebleibenden Gedankenspiel, schiebe ich den Fuss vorw\u00e4rts. Die Gewichte haften. Ich kr\u00fcmme den Zeh, setze die Sohle, Rolle den Ballen, trete sachte auf, die Streifen an mir vorbeiziehen, das Vergangene insistiert, ich sch\u00fcttle, es frostet mir, der Atem stockt. Ich ruhe. Ich, Ruhe. Im Sturm das Auge, ein leichtes, unscheinbares Nicken, akzeptieren, hingeben. Der Raum verschliesst sich und formt eine Kugel, die mich umgibt. Die T\u00fcren und Tore enden in der Einwirkung der Verg\u00e4nglichkeit. So das runde Sein aus der Zeit verr\u00fcckt als ich den Moment ergreife. Mein Bewusstsein schnappt zu, etwas dreht sich um mich herum, etwas bebt unter meinen F\u00fcssen, etwas Sauerstoff kratzt an meiner Lunge. Ich stehe fest im Moment und bin da. Und weiss das Fallen birgt Angst.<\/p>\n<p>Ich bewege nicht Atem, ich rausche nicht Blut, ich zucke nicht im Muskelfundament. Das innere Erleben leitet. Ja, gleitet, in neuen R\u00e4umen und G\u00e4ngen, auf einer anderen Ebene, vielleicht auf einer anderen Wahrheit. Die Gef\u00fchlsflut bricht an. Ich muss es erleben, zulassen. Loslassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das allein Sein auf einem Planeten, fernab von Heim und Frau und Kind. Ich kann es weder sprechen, noch fl\u00fcstern, schreien oder beten, weder schreiben noch singen. Ja, Schreie ausstossen m\u00f6chte ich, meterhohe Gef\u00fchle malen, Orkane herbeisp\u00fcren, das Rauschen b\u00e4ndigen und die Stille ausf\u00fcllen, weil ich es nicht halten, nicht aushalten kann. Innerlich diese abgrundtiefe Angst, Gefangenschaft, ertrinken. Was wenn es keine Worte gibt, keine fassbaren Stricke, keinen menschlichen Ausdruck\u00a0dieses \u00fcberw\u00e4ltigenden Erlebens? Wo anfangen? Wo kein Ende in Sicht. Die Rundungen, getrieben, sich jagend und streckend bis der Horizont sie verschluckt. 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