
{"id":154,"date":"2017-04-19T21:15:25","date_gmt":"2017-04-19T21:15:25","guid":{"rendered":"http:\/\/atehundred.ch\/?p=154"},"modified":"2017-04-19T21:15:25","modified_gmt":"2017-04-19T21:15:25","slug":"vita","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=154","title":{"rendered":"Vita"},"content":{"rendered":"<p>An viele habe ich geschrieben, aber an dich noch nie. Wir haben uns nie kennengelernt. Wir werden uns nie kennenlernen.<\/p>\n<p>Es war Samstag. Ich habe gewartet, aber nicht auf dich. Da warst du. Und dann warst du weg.<\/p>\n<p>Ich kenne deine Geschichte nicht. Wenn ich versuche sie zu rekonstruieren, so weiss ich, dass ich dir nicht gerecht werde. Wie kann ich dir auch jemals gerecht werden? Wer weiss schon etwas \u00fcber den Anderen, wirklich etwas? Also nimm es mir bitte\u00a0nicht \u00fcbel, wenn ich nur den Schatten deines Lebens auf eine weisse Leinwand auftrage und dabei Farben und Ebenen vermische.<\/p>\n<p>Wie ich da stehe, Pinsel in der Hand, \u00fcberkommt mich dieses dr\u00fcckende Gef\u00fchl, das mich l\u00e4hmt.\u00a0Ich sehe, wie du heranw\u00e4chst. Heran an jenes &#8222;Gross sein&#8220;, dass wir manchmal erstreben, manchmal ersehnen, niemals vollends erahnen und beschreiben k\u00f6nnen. Deine ersten Versuche es deiner Mutter gleich zu tun. Diese ungeschminkte Auseinandersetzung mit deiner Welt, das Zerw\u00fcrfnis, der Frust, ein weiterer und noch ein weiterer Versuch, die Leichtigkeit und Befreiung als du es schaffst. Dich schwungvoll um die eigene Achse drehst, die Tiefen und H\u00f6hen ber\u00fchrst, lustvoll deine Weite begreifst und auskostest, ein Pl\u00e4tzchen da, eines dort erkundschaftest. Im Wind, Augen geschlossen, dieser Bruchteil ineinander verschachtelter Dimensionen, zusammengedr\u00e4ngt, um dir dieses grenzenlose Erleben zu gestatten&#8230;los, los du sachter, kleiner, ergebener.<\/p>\n<p>Als wir uns begegnen hallen die unerreichbaren Glockenschl\u00e4ge noch in meinen Ohren. Es ist knapp 12 Uhr. Alles pfeift, frohlockt. Ich habe meinen Rucksack gepackt. Eine Kanne Tee, zwei \u00c4pfel. Ich nehme dich nicht wahr, bloss dieses Ger\u00e4usch. Als sich die Uhr eine Minute vorgeschoben hat, bist du nicht mehr. Ich sehe hilflos zu, wie du leidest und es sch\u00fcttelt mich von Kopf bis Fuss. Jemand r\u00e4umt dich aus dem Weg, aber niemand kann dir helfen. Die R\u00e4der rollen weiter. Ein kurzer Blick zur\u00fcck. Irgendwo im Geb\u00fcsch erahne ich dich und f\u00fcrchte deinen Anblick zugleich. Die V\u00f6gel pfeifen weiter als w\u00e4re nichts geschehen.<\/p>\n<p>Ich weine still. Der Himmel m\u00fcsste weinen, sich \u00f6ffnen, die Strassen in einer Flut mit sich reissen. Die Menschen und Tiere m\u00fcssten innehalten. Ruhe m\u00fcsste sich breitmachen, in Respekt, in Erbarmen, im Mitgef\u00fchl, dass dich von dieser Welt tr\u00e4gt. Selbst die Gr\u00e4ser und der Wind m\u00fcssten verstummen, ihr Spiel vertagen, damit das selbstlose Wachstum seine Ohren spitzen und in der Atempause des Lebens deinen Tod anerkennen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber die Zeit prescht vor, die Uhrzeit &#8211; es ist 12.02 Uhr und die Welt hat dich bereits vergessen. Ich kehre der Strasse den R\u00fccken, drehe den Schl\u00fcssel im Schloss, entledige mich meiner Schuhe und lasse mich fallen. Gutg\u00fctiger, eine Spur hast du hinterlassen. Spuren verwischen, verwaschen. Ich kann den Moment nicht anhalten, bloss feststellen, dass es ihn gibt. Gab.<\/p>\n<p>Heute gedenke ich dir. Lieber Unbekannter. F\u00fchle mich in dieser Zeile verbunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An viele habe ich geschrieben, aber an dich noch nie. Wir haben uns nie kennengelernt. Wir werden uns nie kennenlernen. Es war Samstag. Ich habe gewartet, aber nicht auf dich. Da warst du. Und dann warst du weg. Ich kenne deine Geschichte nicht. Wenn ich versuche sie zu rekonstruieren, so weiss ich, dass ich dir nicht gerecht werde. Wie kann ich dir auch jemals gerecht werden? Wer weiss schon etwas \u00fcber den Anderen, wirklich etwas? Also nimm es mir bitte\u00a0nicht \u00fcbel, wenn ich nur den Schatten deines Lebens auf eine weisse Leinwand auftrage und dabei Farben und Ebenen vermische. 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