
{"id":1254,"date":"2025-11-21T15:49:28","date_gmt":"2025-11-21T15:49:28","guid":{"rendered":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=1254"},"modified":"2025-11-21T15:49:28","modified_gmt":"2025-11-21T15:49:28","slug":"liebe-freiheit-pirat-und-heimat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=1254","title":{"rendered":"Liebe Freiheit, Pirat und Heimat"},"content":{"rendered":"<p>Die letzte Leine, die mich wie eine Nabelschnur mit dem Hafen verbindet, l\u00f6se ich. Wind und Str\u00f6mung umgarnen mein Schiff, legen sich wie ein durchsichtiges Band um meine Seele und ziehen mich hinaus; immer fort. Das Ruder fest in meinem Griff, folge ich dem Ruf des Meeres und drehe den Bug in den Wind. Frei laufen nun die Leinen. Segel hissen, den Wind einfangen, Kurs setzen &#8211; die Freiheit steigt in mir auf. Kraftvoll dieser Akt, der mich durchdringt, zugleich sanft, die Seite dreht, mich erinnern l\u00e4sst. Gekonnt, wie Grossvaters Finger die Mandarinen sch\u00e4lte, die einzelnen St\u00fccke Geschichten erz\u00e4hlen liess. Genau hier auf der vernarbten Platte des K\u00fcchentisch rauschte das Meer heran, die Piratenflagge hochgezogen, die Sch\u00e4tze suchend: ein Abenteuer begann.<\/p>\n<p>Als ich meinen Blick aufrichte, treffen wir uns l\u00e4chelnd. Hier und jetzt. Ich hebe meinen Finger leicht an und kippe die Mandarine auf ihre Seite, sch\u00f6n die feinen Venen im verborgenen Inneren. Du hast sie mir gezeigt. Die Freiheit liegt vor mir, in mir. Ich schiebe Dir die Frucht entgegen, s\u00fcss. Ja, s\u00fcss, der zu sein der empf\u00e4ngt, wie Du mein Denken und F\u00fchlen auf die Seite kippst und ich von neuem erwache. Tiefer dieses Erwachen als die Furchen der Weltmeere, die unter meinem Schiff vorbeiziehen, tiefer als jenes Blau, welches den Glanz des Wassers in meinen Augen zum Tanze bittet, mich r\u00fcttelt und sch\u00fcttelt bis ich mich erhebe.<\/p>\n<p>&#8222;Woher kommst du, mein lieber Pirat?&#8220;, fl\u00fcstert die Nacht. Ich seufze tief &#8211; ein stiller, durchdringender Atem in die weite Welt hinaus. Wie die Sterne an mir vorbeziehen, sich das Meer vor mir \u00f6ffnet, der Horizont in sich ruht, navigiert der Gesang meines Herzens die mich wiegenden Wellen, die aufsteigen und fallen. Ich unternehme nichts, lasse mich leiten, h\u00f6re Deine Stimme wie ich mit meinem Schiff die Achse der Erde umrunde, immer wieder, und bin nie allein. Die Ausdehnung des Lebens zerrt mich in ferne Gefilde, weckt mich, ruft mich, reckt sich in mir, zieht mich jenseits des Tals und der Berge, zeichnet ein St\u00fcck von mir auf die Leinwand des Himmels, wo die Sterne wie Krieger und Fabelwesen meine Odysee inszenieren, meinen verborgenen Schatz nicht aus ihrem funkelnden Schein verlieren. Hier bin ich sichtbar.<\/p>\n<p>In meiner schaukelnden Kabine, auf meinem alten Schreibtisch, lebt das Licht in einem geschlossenen Gef\u00e4ss, durchdringt seine durchsichtigen Mauern und schn\u00fcrt Schatten um meine m\u00fcden H\u00e4nde, zieht \u00d6l durch den Docht und entfacht die Liebe in mir. Wie ich dem Schein des Lichts mich \u00f6ffne, hast Du mir gelehrt mich der Liebe zu \u00f6ffnen. Die Liebe, die sich sich durch mein Innerstes tastet und auch dieses selbst, dass ich in mir trage, f\u00fcllt.<\/p>\n<p>Nun lege ich mich auf der S\u00e4nfte eines in mir wachsenden Vertrauens nieder, welches mich aufhorchen l\u00e4sst, sehen l\u00e4sst, sodann die Wellen ruft, nach dem Winde giert, das Beben der Weltmeere bem\u00e4chtigt mich in sich zu empfangen, zu tragen, zu halten. Ich werde auf dem Meer sterben und mich hingabevoll ergeben im Vertrauen so geliebt zu sein wie ich bin.<\/p>\n<p>Das Licht grenzt den Schatten aus, spielt mit ihm, zeichnet einen Kreis auf meinen Tisch. Ich ziehe meinen Zeigfinger \u00fcber seine Naht, hell, dunkel, hell, dunkel, tippe auf das Holz, fasse mein Herz und lass meinen Atem Dich finden, Dich ber\u00fchren. Wo Du bist, weiss ich Heimat &#8211; verschmelzen Licht und Schatten, zerfliessen meine Gedanken und mit ihnen meine Zweifel, sammeln sich die Ausg\u00fcsse aller Fl\u00fcsse und Seen in versteckten Rinnen, streicheln sanft meine Sinne, flechten eine Sonne aus meinem Herzen, die aus mir herausstrahlt, z\u00e4rtlich Deine Wange k\u00fcsst, sich zutiefst verneigt und l\u00e4chelt &#8211; Danke.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzte Leine, die mich wie eine Nabelschnur mit dem Hafen verbindet, l\u00f6se ich. Wind und Str\u00f6mung umgarnen mein Schiff, legen sich wie ein durchsichtiges Band um meine Seele und ziehen mich hinaus; immer fort. Das Ruder fest in meinem Griff, folge ich dem Ruf des Meeres und drehe den Bug in den Wind. Frei laufen nun die Leinen. Segel hissen, den Wind einfangen, Kurs setzen &#8211; die Freiheit steigt in mir auf. Kraftvoll dieser Akt, der mich durchdringt, zugleich sanft, die Seite dreht, mich erinnern l\u00e4sst. 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