
{"id":124,"date":"2017-01-14T00:47:24","date_gmt":"2017-01-14T00:47:24","guid":{"rendered":"http:\/\/atehundred.ch\/?p=124"},"modified":"2017-01-14T07:48:42","modified_gmt":"2017-01-14T07:48:42","slug":"kinderrechte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=124","title":{"rendered":"Kinderrechte"},"content":{"rendered":"<p>Vor Jahren habe ich mit einem Kind gearbeitet, das sich in einer schwierigen Familiensituation wiederfand. Ein Kind, wie manch solch unschuldige Wesen. Wir sprachen \u00fcber seine Rechte, Rechte, die jedem Kind zustehen. Und heute, Jahre sp\u00e4ter begegne ich auf wunderliche Weise derselben Kinderseele oder jener eines nahen Gef\u00e4hrten, und bin erneut in Gedanken\u00a0\u00fcber Kinder und ihre Rechte versunken. Unversehrtheit, Schutz, Nahrung, Zuwendung, um lediglich ein paar zu nennen. Und ich frage mich, wer entscheidet \u00fcber das Recht der Kinder? Wer nimmt sich das Recht \u00fcber das Recht anderer zu entscheiden?<\/p>\n<p>Unsere Blicke treffen sich immer wieder, mal bewegen sich meine Blicke \u00fcber seine Konturen, erahnen ein L\u00e4cheln oder die Runzeln einer gedanklichen Auseinandersetzung oder jenes aufblitzende unscheinbare Blinzeln, das an einen Hauch Lebensfreude erinnert.\u00a0Im Lichtkegel der Strassenlaterne findet er Zuflucht, dort wo der Schnee leise rieselt, schwenkt sodann\u00a0zur\u00fcck in den Raum und schaut mich fragend an. Dabei ist es meine Rolle zu fragen. Aber ist es nicht auch ein Recht des Kindes geh\u00f6rt zu werden? Seine Meinung kundzutun? In seinem Wesen ernstgenommen zu werden? So h\u00f6re ich zu und lerne aus seinen Fragen, die seine Bed\u00fcrfnisse, W\u00fcnsche und Sehns\u00fcchte verraten. Ich kenne dieses Spiel. Er m\u00f6chte gesehen werden, er m\u00f6chte, dass ich ihn errate, und doch will er es auch nicht.<\/p>\n<p>Seine Unsicherheit und ich halten inne. Ich sp\u00fcre sie. \u00dcber die Buchstaben und Worte meines stummen Gesichtsausdrucks versucht nun er zu lesen und raten. So unergr\u00fcndlich seine Verletzungen, dass er von seinen Erfahrungen gepr\u00e4gt, sein Innerstes zu sch\u00fctzen versucht und die Gefahr bahnen m\u00f6chte noch ehe sie sich ausbildet. Wie mein kurzes Z\u00f6gern ihn\u00a0zum Deuten verf\u00fchrt, er\u00a0Versagen zu ahnen scheint, Ablehnung vermutet, sich qualvolle Gedanken bildet, begleitet von jenem Gef\u00fchl, nicht gut genug zu sein, alles falsch zu machen, ja ein Versager, ein ungeliebter Mensch zu sein, ein solcher, der Ursache f\u00fcr Streit sein soll, f\u00fcr das Auseinanderleben jener, die er zutiefst in seine Liebe h\u00fcllen m\u00f6chte. Und dabei bin ich ihm mehr ein Fremder, doch hat sich sein \u00dcberleben \u00fcber die Jahre so verfeinert und eingebrannt, dass er auch in mir nach Signalen sucht, die er in seiner Auffassung zu deuten probiert.<\/p>\n<p>Seine angezogene, rechte\u00a0Schulter als sie pl\u00f6tzlich an Schwere gewinnt, sich seine Muskeln entspannen. Ich versichere ihm, das alles in Ordnung ist und best\u00e4rke ihn darin, dass er gut ist so\u00a0wie er ist.\u00a0 Und ich h\u00f6re immer noch zu. Ich meine zarte Umrisse um seinen K\u00f6rper wahrzunehmen. Ein seidenes Licht, das so nicht fassbar, nahezu grenzenlos sich anmutet, mit seinem Atem auf und ab, sich zu heben, zu senken scheint. Glaubst du an Engel? Ja antwortet der Junge. Glaubst du an Engel, fragt er mich? Wir schauen uns ungebrochen in des anderen Seele, schweigen, die Zeit entrinnt ihrem fahrigen Treiben. Ja. Vielleicht glaube ich lange keinen Engel mehr gesehen zu haben. Und doch sitzt einer mir direkt gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Es ist streng sagt mir das Kind. Ich l\u00e4chle sanft. Ja, es ist streng. Wenn du hier draussen vor meiner T\u00fcr stehen w\u00fcrdest und jedem Kind, dass mein Zimmer verl\u00e4sst, fragen w\u00fcrdest, so habe ich keine Zweifel daran, dass sie dir zustimmen w\u00fcrden, dass es streng ist. Ich glaube ein jedes Kind hat das Recht Kind zu sein, gesch\u00fctzt zu werden vor einer erwachsenen Welt, der es noch nicht gewappnet, der es noch ausgeliefert ist, dessen Strenge es \u00fcbermannt. Hier begegne ich seiner Angst immer von neuem, jener, die er mit sich tr\u00e4gt und\u00a0jedes Mal, wenn er sein M\u00e4ntelchen von sich hebt vor meinen F\u00fcssen aussch\u00fcttet, um einen kurzen Augenblick um Luft zu ringen. Sein Atem stockt, seine Angst ist dicht. Ich kann sie ihm nicht nehmen, ihn\u00a0bloss auf seinem Weg begleiten, etwas Zuversicht teilen, Hoffnung wecken. Bloss ihn best\u00e4rken. Bloss an ihn glauben. Ich bin froh, dass er an Engel glaubt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Jahren habe ich mit einem Kind gearbeitet, das sich in einer schwierigen Familiensituation wiederfand. Ein Kind, wie manch solch unschuldige Wesen. Wir sprachen \u00fcber seine Rechte, Rechte, die jedem Kind zustehen. Und heute, Jahre sp\u00e4ter begegne ich auf wunderliche Weise derselben Kinderseele oder jener eines nahen Gef\u00e4hrten, und bin erneut in Gedanken\u00a0\u00fcber Kinder und ihre Rechte versunken. Unversehrtheit, Schutz, Nahrung, Zuwendung, um lediglich ein paar zu nennen. Und ich frage mich, wer entscheidet \u00fcber das Recht der Kinder? Wer nimmt sich das Recht \u00fcber das Recht anderer zu entscheiden? 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