
{"id":113,"date":"2017-01-11T22:43:53","date_gmt":"2017-01-11T22:43:53","guid":{"rendered":"http:\/\/atehundred.ch\/?p=113"},"modified":"2017-01-11T22:51:05","modified_gmt":"2017-01-11T22:51:05","slug":"zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=113","title":{"rendered":"Zeit"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Zeit.<\/p>\n<p>Du bist mein Gebieter, ich dein Untergebener.<\/p>\n<p>In diesem einzigen Moment, der jetzt ist, sogleich war, bin ich ganz bei dir. Innig verkrieche ich mich in deine offenen Arme und lasse mich von dir halten. Tief in mir drin weiss ich, dass du mich nicht fallen l\u00e4sst. Wie auch? So wie ich an dir h\u00e4nge, h\u00e4ngst du an mir. Wenn ich gehe, gehst auch du. Dann ist meine Zeit vorbei.<\/p>\n<p>Liebe Zeit, eine Frage dr\u00e4ngt sich mir auf. Was geschieht mit dir, wenn\u00a0du\u00a0vorbeizieht, nicht mehr bist? Wo gehst du hin? Die Zeit ist abgelaufen, vorbei, vergangen, sagen sie. Aber wohin\u00a0bist du\u00a0gelaufen, WOHIN bist du gegangen?<\/p>\n<p>Liebe Zeit, ich glaube nicht, dass du dich pl\u00f6tzlich aufl\u00f6st und dass du diese unz\u00e4hligen Momente, die uns Menschen, ja, die ganze Welt umgarnen einfach mit dir in ein dunkles Loch mitnimmst.<\/p>\n<p>Ich sehe, dass du und die Verg\u00e4nglichkeit ein B\u00fcndnis gekn\u00fcpft habt und sie dich gewissenhaft\u00a0auf deinem Gang in unser Gestern begleitet.<\/p>\n<p>Sind meine Erinnerungen bloss Spiegelungen dessen was einmal war und du lieber Freund kommst nicht mehr? Ja, du kommst nicht mehr; nicht mehr an meinen ersten Schultag, wohnst nicht meiner Maturit\u00e4t bei, zeigst dich nicht an meiner Hochzeit, traust dich nicht meinem Altern beizuwohnen, k\u00fcsst mich nicht f\u00fcrsorglich auf meine Stirn, wenn ich\u00a0auf meinem Sterbebett liege\u00a0&#8211; bist einfach vorbei. Hinterher entsendest\u00a0du abermals deine Hirten, die wir Menschen zu Minuten und Stunden, zu Tagen und Jahren zwingen, mit der Absicht dich festzuhalten. Du aber l\u00e4sst dich nicht festhalten, nein liebe Zeit, du schreitest voran, zuverl\u00e4ssig wie der Orion, der unsere Nacht h\u00fctet.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<blockquote><p>Liebes Menschenkind<\/p>\n<p>Du l\u00e4sst es\u00a0mir warm und kalt werden um mein Herz. Ich weiss um deine Gedanken. Sie h\u00f6ren sich an wie Sorgen. Sorgst du dich um mich oder um dich? Um mich mache dir bitte keine Sorgen, ich bin frei zu kommen und zu gehen, wie es mir behagt. Und um dich&#8230;wisse dich gesorgt.<\/p>\n<p>So sehr du und deine Mitmenschen glauben mich festmachen zu k\u00f6nnen, so sehr vergewissere ich euch, dass ich nicht an Handgelenken oder an W\u00e4nden sichtbar werde, noch Kirchenuhren belebe oder den Geist eurer Chronik verk\u00f6rpere. Dennoch l\u00e4sst euch dieser Schein Vertrauen sch\u00f6pfen im kurzweiligen Glauben mir Herr zu sein. Schau her, ich m\u00f6chte dir etwas zeigen. Jene Erinnerungen, die du durchschreitest, leben mit jeder Hinwendung wieder in dir\u00a0auf, solange du dies m\u00f6chtest. Ich nehme dir nichts und ich gebe dir nichts. Suche in mir nicht einen Schuldigen f\u00fcr Vergangenes, noch weniger bezichtige mich deinen Vers\u00e4umnissen. Was du mit mir machst, ist ganz dir \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Du hast dich getraut mich zu fragen, wohin ich gehe, wenn ich tagt\u00e4glich vorbeiziehe, so soll ich dir behutsam antworten, in dem ich\u00a0dir eine kurze Geschichte erz\u00e4hle: Als das pr\u00e4chtige Schiff mit gehissten Segeln\u00a0seinen Hafen verliess, stand die Menschenmenge am Ankerplatz und nahm Abschied. Ein kleiner Junge hatte sich mit dem R\u00fccken zu den Anderen vom ablegenden Schiff abgewendet. Da fragte ihn einer, &#8222;warum winkst du dem Schiff nicht zu, so wie deine Freunde? M\u00f6chtest du denn nicht Lebewohl sagen?&#8220;. Da hob der Junge seinen Kopf, richtete seine Augen nach oben und schaute dem Mann tief in die Augen, w\u00e4hrend dem er sagte: &#8222;aber Papa, ich m\u00f6chte doch der Erste sein, der das Schiff erblickt, wenn es wieder auf diesen Hafen zusteuert&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht ist deine Frage des Wohin gar nicht so wichtig, wie du denkst. Zerbrich dir dar\u00fcber nicht den Kopf. Vertraue. Vertraue mir, dass wenn ich gehe, wenn ich mich verabschiede, dann prall gepackt mit deinen Erlebnissen, mit deinen Erfahrungen, mit deinen Sch\u00e4tzen, die Liebe in allen Farben kundtun und dem Lebensatem Zuwendung versprechen. Gleichwohl entreisse ich dir nichts, denn du hast mich beladen. Liebes Menschenkind, ich bin viel mehr als du vermutest und viel weniger als die Gesamtheit aller Wunder, die uns umgeben. Ich habe weder Anfang, noch Ende. Irgendwo da draussen bin ich dein Orion, bewache ich\u00a0deine Sch\u00e4tze und bin immer f\u00fcr dich da.<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Zeit. Du bist mein Gebieter, ich dein Untergebener. In diesem einzigen Moment, der jetzt ist, sogleich war, bin ich ganz bei dir. Innig verkrieche ich mich in deine offenen Arme und lasse mich von dir halten. Tief in mir drin weiss ich, dass du mich nicht fallen l\u00e4sst. Wie auch? So wie ich an dir h\u00e4nge, h\u00e4ngst du an mir. Wenn ich gehe, gehst auch du. Dann ist meine Zeit vorbei. Liebe Zeit, eine Frage dr\u00e4ngt sich mir auf. Was geschieht mit dir, wenn\u00a0du\u00a0vorbeizieht, nicht mehr bist? Wo gehst du hin? Die Zeit ist abgelaufen, vorbei, vergangen, sagen sie. Aber wohin\u00a0bist du\u00a0gelaufen, WOHIN bist du gegangen? 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