
{"id":100,"date":"2017-01-03T22:27:55","date_gmt":"2017-01-03T22:27:55","guid":{"rendered":"http:\/\/atehundred.ch\/?p=100"},"modified":"2017-01-06T23:28:21","modified_gmt":"2017-01-06T23:28:21","slug":"gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/atehundred.ch\/?p=100","title":{"rendered":"Gehen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-103 aligncenter\" src=\"https:\/\/atehundred.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Unbenannt-300x225.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/atehundred.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Unbenannt-300x225.png 300w, https:\/\/atehundred.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Unbenannt-768x576.png 768w, https:\/\/atehundred.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Unbenannt-1024x768.png 1024w, https:\/\/atehundred.ch\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Unbenannt.png 1963w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Ich stehe oben, zuoberst, auf einem H\u00fcgel. Da wo ich mich stets wohlf\u00fchle. Im gefallenen Schnee vermischen sich meine Spuren mit jenen des Rehs und des Fuchses. Als wir uns ersp\u00e4hen haben sie meine Anwesenheit bereits als Gefahr vermutet, dabei bin ich so unschuldig wie sie. Vielleicht nicht, denn ich bin ein Mann aus der Stadt, hege Gedanken und Gef\u00fchle, bin unrein, irgendwie befallen von dem emsigen Treiben da unten, welches nun so im Kontrast zu meinem hiesigen Sein steht. Wie ich in Gedanken mehr mir selbst zufl\u00fcstere &#8222;hab keine Angst Fuchs, spring nicht davon Reh&#8220; und beide es doch tun, sodann einen Augenblick verharren, die Ohren angesetzt, die Luft pr\u00fcfend. Wie ich f\u00fcr diese Tiere wohl riechen mag? Ein sachter Schritt zur Seite, angespannt, bereit zum R\u00fcckzug, zum Satz in die rettende Dunkelheit. Alarmiert durch meine Pr\u00e4senz. Ich kann sie weder bes\u00e4nftigen noch ihrer Natur entgegenwirken. Gewissermassen bin ich hier draussen der \u00a0Verletzliche, wenn es um das nackte \u00dcberleben geht! Kenne ich doch weder H\u00f6hleneingang, noch dichtes, sch\u00fctzendes Ge\u00e4st, kann weder in die Weite riechen noch h\u00f6ren, noch geschwind laufen, noch trage ich Pelz und werde hungern. So aber wendet sich Fuchs ab, entspringt Reh diesem kurzweiligen Akt. Ich bleibe zur\u00fcck, ruhe meinen Atem, stehe still, hoffe leise, dass sie wiederkehren m\u00f6gen, sich zu mir gesellen, meine Spuren mit den ihren zieren, von den Abenteuern im Wald erz\u00e4hlen und unsere Seelen im Takt miteinander die Welt durchstreifen. Aber zuverl\u00e4ssig ist bloss die Nacht. Ich schreite voran, ziehe vorbei an Geb\u00fcsch, schlendere unwissend \u00fcber den Bau, finde Trost im Gedanken, dass ich manches nicht sehen kann, aber weiss.<\/p>\n<p>Dort unten kann ich die Stadt ausmachen. Meinen Blick lasse ich auf- und abstreifen, vielleicht \u00e4hnlich dem Fuchs; soll ich bleiben oder soll ich gehen? Der Schnee friert mich nicht, der Wind schont mich im Beisein des K\u00fcnstlers, der dieses Bild zu malen scheint, und ich mittendrin. Er setzt einen Rahmen, schwarz, Holz, kantig, weich. \u00dcber die Tapete ziehen H\u00fcgel, gleiten ineinander, kn\u00fcpfen B\u00e4che und B\u00e4ume aneinander, grob wirken die Strassen im Gegensatz. Das sich ausbreitende Netz mit den scheinenden Werfern, den r\u00fcckenden Blendern, dem Weiss und Rot, vorbeiziehende K\u00f6pfe im k\u00fcnstlichen Licht auf der Fahrt heim zu Frau und Kind, virtuell summt das Geld, die Bef\u00f6rderung. Welche Sendung sie heut Abend wohl schauen werden? Im Kleid der Dunkelheit verabschiede ich mich vom See und den Feldern, was bleibt sind die vielen Leuchten, der Schein, Strassenlaterne, Reihenhaus, Stadion, Einkaufscenter, Eisenbahn&#8230;<\/p>\n<p>Lustig, spielst du mir heute einen Streich, du Obrigkeit, K\u00f6nner, Schaffer, Sch\u00f6pfer? Ziehst durch dieses Bild zwei dicke Streifen. Einen nennen\u00a0wir\u00a0Nacht, h\u00fcllst ihn in Schatten, heute dichten Nebel. Aber keine Sorge, sie haben ja ausreichend\u00a0Licht da unten. Und dar\u00fcber &#8211; dieses Blau, das weder Nacht noch Tag ist. Ich h\u00e4tte es nicht vermutet, wenn ich es nicht selbst sehen w\u00fcrde. H\u00e4ufig bin ich doch Nacht, bin ich doch Stadt, irgendwo da unten, ahnungslos, dass es ein Dar\u00fcber gibt. Und genau jenes sehe und erlebe ich jetzt.\u00a0Du hast den Mond hoch geh\u00e4ngt,\u00a0bloss ein fein geschnittenes St\u00fcck seiner Rinde gelassen, ihm einen Stern an die Seite gelegt und ihn so geneigt, dass ich ihn auf meiner Fingerkuppe balancieren k\u00f6nnte. Was ist das f\u00fcr ein Bild? Und warum dr\u00e4ngst du mich, mich zu entscheiden? Oder kennst du mich \u00fcberdies hinaus, ferner als ich mich selbst?<\/p>\n<p>Ich lasse mich weitermalen, sch\u00f6pfe Vertrauen, nicht aus Gedanken, Gef\u00fchlen oder meinem K\u00f6rper, einzig aus einem hellen Streifen, der schon immer war und immer\u00a0sein wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich stehe oben, zuoberst, auf einem H\u00fcgel. Da wo ich mich stets wohlf\u00fchle. Im gefallenen Schnee vermischen sich meine Spuren mit jenen des Rehs und des Fuchses. Als wir uns ersp\u00e4hen haben sie meine Anwesenheit bereits als Gefahr vermutet, dabei bin ich so unschuldig wie sie. 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