Fern aller Erde, Baum, Mensch

Das allein Sein auf einem Planeten, fernab von Heim und Frau und Kind. Ich kann es weder sprechen, noch flüstern, schreien oder beten, weder schreiben noch singen. Ja, Schreie ausstossen möchte ich, meterhohe Gefühle malen, Orkane herbeispüren, das Rauschen bändigen und die Stille ausfüllen, weil ich es nicht halten, nicht aushalten kann.

Innerlich diese abgrundtiefe Angst, Gefangenschaft, ertrinken. Was wenn es keine Worte gibt, keine fassbaren Stricke, keinen menschlichen Ausdruck dieses überwältigenden Erlebens?

Wo anfangen? Wo kein Ende in Sicht. Die Rundungen, getrieben, sich jagend und streckend bis der Horizont sie verschluckt. Links, wie rechts, derselbe graue, staubige Teppich. Mein Blick, nach vorne gerichtet, leicht gesenkt, nur die Augen sich bewegen, die Lider ungeachtet loszulassen scheinen.  Es atmet durch mich, es pulsiert in mir, irgendwo in der Ferne die fallende Herzfrequenz, und tief in meinem Inneren, beherbergt und doch ungehalten, ein Gefühl.

Keine anderen. Ich, in der Weite der Ferne. In der Weite der Fremde. Der Weite ausgeliefert. So als ob weder Zeit noch Raum, noch die Essenz existieren würden. Wenn ich mich auf allen Kanälen vollends verschliesse bleibt mir die Illusion eines flüchtigen Moments erhalten. In dieser einsamen Sekunde kann ich mich aus den erstarrten Flocken heraustanzen, meinen Körper ausdehnen und jede einzelne Himmelsfaser ungedacht und unbegrenzt in mir empfangen. Die Unendlichkeit bestaunen, die sich mir anschmiegt und mich ohne Argwohn verbindet. Dem zarten Kristall lauschen, wie er fallen könnte, und dieser täuschenden Zeit gerecht werden. Gedankenspiele.  Ein schweres, langgezogenes „Ach“. Der gedrosselte Atemstoss, der nicht vernehmbare Klang und immer noch der endlose Kosmos, sich krümmend, falzend und wölbend.

Das ungehorsame Schweigen das hier und jetzt zerbricht, wenn ich meinen Mund öffne und doch keine Laute spreche. Und wie sie gefallen sind, wie die Verprassten, und ich nur diesem Gefühl Geleit schenke, so entbinde ich mich jenen Schichten, die mich über Jahre, unter dem Vorwand mich zu schützen, verdeckten. Die Fäden lösen sich aus jenem Garn, der mich in Normen verwickelte, in Erwartungen und Haltungen und fremden Moralen. In diesem Vakuum zieht eine Stimme in einer ungeheuren Reinheit Frieden herbei bis ich mich diesem Gefühl ganz hinzugeben vermag.

Tiefer, tiefer, immer tiefer. Der Fall. Oder das ewige Halten und nicht loslassen können. Angst vor dem, was da kommen mag. Hier trennt sich der Schatten vom Licht. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. Bleiben oder gehen. … Oh. Ein Hauch. Langsam darauf zu oder davon weg. Langsam wird es dunkel, die Wände reissen sich gegenseitig immer fort, wohin ich schaue Türen und Tore, Gitter und Fallen, kopfüber, seltsam verkehrt. Alle Wege sind plötzlich Irrwege. Die Schrift verschwimmt, der Atem rinnt, der Puls entweicht, die Haare legen sich Quer über die Haut, die Nägel verblassen, der Lippenduft wendet sich sanftmütig der Leere entgegen, und niemand und nichts ersetzen die eigene Lehre. Wie ich so Schritt um Schritt einen Gang durchstreife blicke ich zurück auf mein Leben und zähle jeden Finger in Andacht an jede Note, jedes Wort, jeden holden Muskel in An- und Entspannung, die gekrümmte Seite eines einzelnen Atemzugs, und streife ab was war. Und gehe weiter. In durchzogenen, farbigen, kaum sichtbaren Streifen bewegt sich der Moment vorwärts, oder scheint zu verharren als ich mich ihm nähere. Eine Abhandlung der Vergangenheit, die sich immer wieder an mich schmiegt, meinen Schritten ein Echo verleiht und mich in ihre Arme locken möchte. Ungeachtet dessen oder mit dem täuschenden Blick über die Schulter, oder dem hängebleibenden Gedankenspiel, schiebe ich den Fuss vorwärts. Die Gewichte haften. Ich krümme den Zeh, setze die Sohle, Rolle den Ballen, trete sachte auf, die Streifen an mir vorbeiziehen, das Vergangene insistiert, ich schüttle, es frostet mir, der Atem stockt. Ich ruhe. Ich, Ruhe. Im Sturm das Auge, ein leichtes, unscheinbares Nicken, akzeptieren, hingeben. Der Raum verschliesst sich und formt eine Kugel, die mich umgibt. Die Türen und Tore enden in der Einwirkung der Vergänglichkeit. So das runde Sein aus der Zeit verrückt als ich den Moment ergreife. Mein Bewusstsein schnappt zu, etwas dreht sich um mich herum, etwas bebt unter meinen Füssen, etwas Sauerstoff kratzt an meiner Lunge. Ich stehe fest im Moment und bin da. Und weiss das Fallen birgt Angst.

Ich bewege nicht Atem, ich rausche nicht Blut, ich zucke nicht im Muskelfundament. Das innere Erleben leitet. Ja, gleitet, in neuen Räumen und Gängen, auf einer anderen Ebene, vielleicht auf einer anderen Wahrheit. Die Gefühlsflut bricht an. Ich muss es erleben, zulassen. Loslassen.

Vita

An viele habe ich geschrieben, aber an dich noch nie. Wir haben uns nie kennengelernt. Wir werden uns nie kennenlernen.

Es war Samstag. Ich habe gewartet, aber nicht auf dich. Da warst du. Und dann warst du weg.

Ich kenne deine Geschichte nicht. Wenn ich versuche sie zu rekonstruieren, so weiss ich, dass ich dir nicht gerecht werde. Wie kann ich dir auch jemals gerecht werden? Wer weiss schon etwas über den Anderen, wirklich etwas? Also nimm es mir bitte nicht übel, wenn ich nur den Schatten deines Lebens auf eine weisse Leinwand auftrage und dabei Farben und Ebenen vermische.

Wie ich da stehe, Pinsel in der Hand, überkommt mich dieses drückende Gefühl, das mich lähmt. Ich sehe, wie du heranwächst. Heran an jenes „Gross sein“, dass wir manchmal erstreben, manchmal ersehnen, niemals vollends erahnen und beschreiben können. Deine ersten Versuche es deiner Mutter gleich zu tun. Diese ungeschminkte Auseinandersetzung mit deiner Welt, das Zerwürfnis, der Frust, ein weiterer und noch ein weiterer Versuch, die Leichtigkeit und Befreiung als du es schaffst. Dich schwungvoll um die eigene Achse drehst, die Tiefen und Höhen berührst, lustvoll deine Weite begreifst und auskostest, ein Plätzchen da, eines dort erkundschaftest. Im Wind, Augen geschlossen, dieser Bruchteil ineinander verschachtelter Dimensionen, zusammengedrängt, um dir dieses grenzenlose Erleben zu gestatten…los, los du sachter, kleiner, ergebener.

Als wir uns begegnen hallen die unerreichbaren Glockenschläge noch in meinen Ohren. Es ist knapp 12 Uhr. Alles pfeift, frohlockt. Ich habe meinen Rucksack gepackt. Eine Kanne Tee, zwei Äpfel. Ich nehme dich nicht wahr, bloss dieses Geräusch. Als sich die Uhr eine Minute vorgeschoben hat, bist du nicht mehr. Ich sehe hilflos zu, wie du leidest und es schüttelt mich von Kopf bis Fuss. Jemand räumt dich aus dem Weg, aber niemand kann dir helfen. Die Räder rollen weiter. Ein kurzer Blick zurück. Irgendwo im Gebüsch erahne ich dich und fürchte deinen Anblick zugleich. Die Vögel pfeifen weiter als wäre nichts geschehen.

Ich weine still. Der Himmel müsste weinen, sich öffnen, die Strassen in einer Flut mit sich reissen. Die Menschen und Tiere müssten innehalten. Ruhe müsste sich breitmachen, in Respekt, in Erbarmen, im Mitgefühl, dass dich von dieser Welt trägt. Selbst die Gräser und der Wind müssten verstummen, ihr Spiel vertagen, damit das selbstlose Wachstum seine Ohren spitzen und in der Atempause des Lebens deinen Tod anerkennen könnte.

Aber die Zeit prescht vor, die Uhrzeit – es ist 12.02 Uhr und die Welt hat dich bereits vergessen. Ich kehre der Strasse den Rücken, drehe den Schlüssel im Schloss, entledige mich meiner Schuhe und lasse mich fallen. Gutgütiger, eine Spur hast du hinterlassen. Spuren verwischen, verwaschen. Ich kann den Moment nicht anhalten, bloss feststellen, dass es ihn gibt. Gab.

Heute gedenke ich dir. Lieber Unbekannter. Fühle mich in dieser Zeile verbunden.

Mondschichten

An diesem Heute herrscht der Vollmond. Und ich? Ich stehe darunter, fernab, schaue hinauf, den Kopf im Nacken und ein kalter Schauer fährt mir von den Fingerspitzen die Arme hoch. Ich schlucke und bemerke wie sich dieses Gefühl in mir ausbreitet, meine Schultern vibrieren leise und jeder Atemzug schüttelt mich. Hinter meiner Stirn löst sich ein scheinbar warmes Empfinden und eine seltsame Leichtigkeit entsteigt meinem Haupt. Ich kringle und plätschere innerlich und möchte mehr, mehr desselben. Meine Augenlider flimmern. Ich spüre einen Strom der mich ausdehnt und geschlossene, zarte Kreise, die sich um mich winden, endlose Schlaufen ziehen, und alles scheint sich zu drehen. Ich zittere still am ganzen Leibe.

Wenn ich loslasse verzieht sich mein Gesicht und demaskiert meine menschliche Gestalt. Gefühle jagen durch die unendlichen Dimensionen meines Erlebens und ein Sammelsurium derselben verwischt sämtliche Grenzen zwischen Freude und Trauer, Wut und Angst. Ich lache weinend eine Träne über meine gerümpfte Stirn, schreie Orkane ins Erwachen und ziehe mich zusammen, Säugling, kleines Wesen, weite Ferne; alles versagt, alles stockt, alles. Zurückbleibt die Gewissheit, dass Kontrolle eine Illusion ist und jene Auffassung, die im vollständigen Loslassen ein sanftes Entschlafen vermutet.

Ach, lieber Mond da oben: bist du frei? Warum umkreist du im vermeintlichen Gehorsam unsere Erde Tag für Tag? Du gibst dich diesen Begebenheiten hin, die unsere Ahnung, unser Wissen, ja uns Menschen übersteigen. Und ich? Ich stehe immer noch unter dir, fernab, schaue hinauf und fühle mich mit jedem Atemzug im Leben. Da schaudert es mich wieder. Und es bleibt mir nur die Einsicht, dass ich mich vor deiner Hingabe fürchte und mich in Widerstand fliehe. Und dennoch, ein leises „aber“ entgleitet meiner Seele und flüstert mir in wachsender Gewissheit Mut und Vertrauen zu…“lass es geschehen“.

Angst

Ha, Angst. Bist du mächtig. Oder ermächtige ich dich?  Mich interessiert die Frage: würde mehr fühlen bedeuten mehr Angst zuzulassen?  Lässt mich ein tieferes Empfinden intensiver in dich eintauchen?

Ich stehe gerne bis zu den Knien im Wasser, bis zur Hüfte, bis zur Schulter. Dann werde ich zögerlich. Sage es ist nicht mein Element. Möchte den Boden unter den Füssen spüren. Jenes Weitere macht mir Angst. Ich verliere den Halt. Ich weiss nicht was kommt. Ungewissheit. Meine Gedanken Färben die Lücken ein, sie sind tief schwarz, undurchschaubar, haben einen Sog, ziehen immer fort. Und so bleibe ich stehen. Da, wo es sich gut anfühlt. Da, wo ich in Sicherheit bin, Kontrolle habe, jenem aufsteigenden Gefühl noch rechtzeitig entfliehen könnte. Meine Beine würden mich dem rettenden Ufer näherbringen, ich könnte mich ausruhen, aus der Ferne beobachten. Aufatmen.

Ja – Angst. Dieses Aufhorchen meiner innersten Gewebe, die Körper, Geist und Seele umschnüren, den Draht spannen, beklemmen, so dass ich mit gestreckten Armen daran hänge. Unten das wirkende Bodenlose. Meine Kraft, die allmählich nachlässt, die ich aber nicht bemerke. So eindringend dieses Gefühl, überwältigend und betäubend. Das Rationale ertränkend, den Körper in den Notstand fehlleitend. Dem inneren Auffressen ausgeliefert. Dann der Ausbruch. Weil niemand dies möchte, weil niemand dies aushält. Vorher vermeiden, Fluchtwege erahnen, weg, weg, weg.

So mächtig bist du Angst. Treibst meine Gedanken ins Unendliche, manipulierst meinen Körper und vergiftest mein Handeln. So mächtig…wenn ich dich zulasse. Und darin bin ich gut, sehe ich doch deine gekünstelten Warnschilder noch ehe sie über den Horizont tänzeln, ja, ich meine sie bereits an der scheinbaren Vibration der Erde zu erahnen, und weiche.

Was nun, wenn ich auf dich zugehe? Was würde passieren? Wie gross kannst du werden?  Wie stark? Was passiert, wenn du alles in mir hochfährst und ich nicht kapituliere? Was bleibt? Was dann? Was danach? Sag es mir.

Liebe Angst, von tausend möglichen Begegnungen mit dir, graut es mir tausend Mal vor dir. Nicht ein einziges Mal würde ich dich herbeiwünschen. Gewiss bist du auch Warnung, möchtest Sicherheit schaffen, meinst es ja nur gut. Aber du beschränkst. Du schränkst ein. Du limitierst. Und ich mit dir. Ich limitiere mich in dem ich auf dich aufspringe, wie auf einen Güterzug, der den Schienen entlang gleitet, an jedem Waggon einen nächsten nach sich zieht, immer mehr, immer dunkler, immer schwerer, bis ich mich gequält entschliesse abzuspringen. Die Rettung, uff, geschafft. Oder bist du sogleich gewachsen? Habe ich gerade die Botschaft gesendet, dass wenn du dich so aufbauscht, ich mich füge, so, dass du mit der Zeit nur mit der Achsel zu zucken brauchst und ich bereits spure?

Nun stehe ich an der Schwelle. Wie so oft. Und frage mich, was, wenn ich mich dir hingebe? Was geschieht, wenn ich den Sand nicht mehr krallen kann und auf dich zugehe? Ich bin überzeugt, du hast einen Anfang und ein Ende. Ein Teil von mir möchte herausfinden, was nach dir kommt. Und dieser Teil spürt in entfernten Ecken Ruhe einkehren. Vielleicht das leise Summen im beschatteten Tal, von Felswänden umgeben, die sich recken, die stetig den Laut vorantreiben, über Felder gleiten, in Teiche eintauchen, und im heiteren Flügelschlag mit dem Wind Saltos schlagen. Vielleicht der wiederkehrende Kampf raus aus dem Geburtskanal, dann die Befreiung, und immer wieder ein geräuschloses Sterben. Ich möchte diesem Teil Gehör schenken.

Angst kommt und Angst geht – nimm mich mit auf deine Reise und lass uns gemeinsam entdecken, welche Weiten es noch gibt.

Kinderrechte

Vor Jahren habe ich mit einem Kind gearbeitet, das sich in einer schwierigen Familiensituation wiederfand. Ein Kind, wie manch solch unschuldige Wesen. Wir sprachen über seine Rechte, Rechte, die jedem Kind zustehen. Und heute, Jahre später begegne ich auf wunderliche Weise derselben Kinderseele oder jener eines nahen Gefährten, und bin erneut in Gedanken über Kinder und ihre Rechte versunken. Unversehrtheit, Schutz, Nahrung, Zuwendung, um lediglich ein paar zu nennen. Und ich frage mich, wer entscheidet über das Recht der Kinder? Wer nimmt sich das Recht über das Recht anderer zu entscheiden?

Unsere Blicke treffen sich immer wieder, mal bewegen sich meine Blicke über seine Konturen, erahnen ein Lächeln oder die Runzeln einer gedanklichen Auseinandersetzung oder jenes aufblitzende unscheinbare Blinzeln, das an einen Hauch Lebensfreude erinnert. Im Lichtkegel der Strassenlaterne findet er Zuflucht, dort wo der Schnee leise rieselt, schwenkt sodann zurück in den Raum und schaut mich fragend an. Dabei ist es meine Rolle zu fragen. Aber ist es nicht auch ein Recht des Kindes gehört zu werden? Seine Meinung kundzutun? In seinem Wesen ernstgenommen zu werden? So höre ich zu und lerne aus seinen Fragen, die seine Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte verraten. Ich kenne dieses Spiel. Er möchte gesehen werden, er möchte, dass ich ihn errate, und doch will er es auch nicht.

Seine Unsicherheit und ich halten inne. Ich spüre sie. Über die Buchstaben und Worte meines stummen Gesichtsausdrucks versucht nun er zu lesen und raten. So unergründlich seine Verletzungen, dass er von seinen Erfahrungen geprägt, sein Innerstes zu schützen versucht und die Gefahr bahnen möchte noch ehe sie sich ausbildet. Wie mein kurzes Zögern ihn zum Deuten verführt, er Versagen zu ahnen scheint, Ablehnung vermutet, sich qualvolle Gedanken bildet, begleitet von jenem Gefühl, nicht gut genug zu sein, alles falsch zu machen, ja ein Versager, ein ungeliebter Mensch zu sein, ein solcher, der Ursache für Streit sein soll, für das Auseinanderleben jener, die er zutiefst in seine Liebe hüllen möchte. Und dabei bin ich ihm mehr ein Fremder, doch hat sich sein Überleben über die Jahre so verfeinert und eingebrannt, dass er auch in mir nach Signalen sucht, die er in seiner Auffassung zu deuten probiert.

Seine angezogene, rechte Schulter als sie plötzlich an Schwere gewinnt, sich seine Muskeln entspannen. Ich versichere ihm, das alles in Ordnung ist und bestärke ihn darin, dass er gut ist so wie er ist.  Und ich höre immer noch zu. Ich meine zarte Umrisse um seinen Körper wahrzunehmen. Ein seidenes Licht, das so nicht fassbar, nahezu grenzenlos sich anmutet, mit seinem Atem auf und ab, sich zu heben, zu senken scheint. Glaubst du an Engel? Ja antwortet der Junge. Glaubst du an Engel, fragt er mich? Wir schauen uns ungebrochen in des anderen Seele, schweigen, die Zeit entrinnt ihrem fahrigen Treiben. Ja. Vielleicht glaube ich lange keinen Engel mehr gesehen zu haben. Und doch sitzt einer mir direkt gegenüber.

Es ist streng sagt mir das Kind. Ich lächle sanft. Ja, es ist streng. Wenn du hier draussen vor meiner Tür stehen würdest und jedem Kind, dass mein Zimmer verlässt, fragen würdest, so habe ich keine Zweifel daran, dass sie dir zustimmen würden, dass es streng ist. Ich glaube ein jedes Kind hat das Recht Kind zu sein, geschützt zu werden vor einer erwachsenen Welt, der es noch nicht gewappnet, der es noch ausgeliefert ist, dessen Strenge es übermannt. Hier begegne ich seiner Angst immer von neuem, jener, die er mit sich trägt und jedes Mal, wenn er sein Mäntelchen von sich hebt vor meinen Füssen ausschüttet, um einen kurzen Augenblick um Luft zu ringen. Sein Atem stockt, seine Angst ist dicht. Ich kann sie ihm nicht nehmen, ihn bloss auf seinem Weg begleiten, etwas Zuversicht teilen, Hoffnung wecken. Bloss ihn bestärken. Bloss an ihn glauben. Ich bin froh, dass er an Engel glaubt.

 

Zeit

Liebe Zeit.

Du bist mein Gebieter, ich dein Untergebener.

In diesem einzigen Moment, der jetzt ist, sogleich war, bin ich ganz bei dir. Innig verkrieche ich mich in deine offenen Arme und lasse mich von dir halten. Tief in mir drin weiss ich, dass du mich nicht fallen lässt. Wie auch? So wie ich an dir hänge, hängst du an mir. Wenn ich gehe, gehst auch du. Dann ist meine Zeit vorbei.

Liebe Zeit, eine Frage drängt sich mir auf. Was geschieht mit dir, wenn du vorbeizieht, nicht mehr bist? Wo gehst du hin? Die Zeit ist abgelaufen, vorbei, vergangen, sagen sie. Aber wohin bist du gelaufen, WOHIN bist du gegangen?

Liebe Zeit, ich glaube nicht, dass du dich plötzlich auflöst und dass du diese unzähligen Momente, die uns Menschen, ja, die ganze Welt umgarnen einfach mit dir in ein dunkles Loch mitnimmst.

Ich sehe, dass du und die Vergänglichkeit ein Bündnis geknüpft habt und sie dich gewissenhaft auf deinem Gang in unser Gestern begleitet.

Sind meine Erinnerungen bloss Spiegelungen dessen was einmal war und du lieber Freund kommst nicht mehr? Ja, du kommst nicht mehr; nicht mehr an meinen ersten Schultag, wohnst nicht meiner Maturität bei, zeigst dich nicht an meiner Hochzeit, traust dich nicht meinem Altern beizuwohnen, küsst mich nicht fürsorglich auf meine Stirn, wenn ich auf meinem Sterbebett liege – bist einfach vorbei. Hinterher entsendest du abermals deine Hirten, die wir Menschen zu Minuten und Stunden, zu Tagen und Jahren zwingen, mit der Absicht dich festzuhalten. Du aber lässt dich nicht festhalten, nein liebe Zeit, du schreitest voran, zuverlässig wie der Orion, der unsere Nacht hütet.

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Liebes Menschenkind

Du lässt es mir warm und kalt werden um mein Herz. Ich weiss um deine Gedanken. Sie hören sich an wie Sorgen. Sorgst du dich um mich oder um dich? Um mich mache dir bitte keine Sorgen, ich bin frei zu kommen und zu gehen, wie es mir behagt. Und um dich…wisse dich gesorgt.

So sehr du und deine Mitmenschen glauben mich festmachen zu können, so sehr vergewissere ich euch, dass ich nicht an Handgelenken oder an Wänden sichtbar werde, noch Kirchenuhren belebe oder den Geist eurer Chronik verkörpere. Dennoch lässt euch dieser Schein Vertrauen schöpfen im kurzweiligen Glauben mir Herr zu sein. Schau her, ich möchte dir etwas zeigen. Jene Erinnerungen, die du durchschreitest, leben mit jeder Hinwendung wieder in dir auf, solange du dies möchtest. Ich nehme dir nichts und ich gebe dir nichts. Suche in mir nicht einen Schuldigen für Vergangenes, noch weniger bezichtige mich deinen Versäumnissen. Was du mit mir machst, ist ganz dir überlassen.

Du hast dich getraut mich zu fragen, wohin ich gehe, wenn ich tagtäglich vorbeiziehe, so soll ich dir behutsam antworten, in dem ich dir eine kurze Geschichte erzähle: Als das prächtige Schiff mit gehissten Segeln seinen Hafen verliess, stand die Menschenmenge am Ankerplatz und nahm Abschied. Ein kleiner Junge hatte sich mit dem Rücken zu den Anderen vom ablegenden Schiff abgewendet. Da fragte ihn einer, „warum winkst du dem Schiff nicht zu, so wie deine Freunde? Möchtest du denn nicht Lebewohl sagen?“. Da hob der Junge seinen Kopf, richtete seine Augen nach oben und schaute dem Mann tief in die Augen, während dem er sagte: „aber Papa, ich möchte doch der Erste sein, der das Schiff erblickt, wenn es wieder auf diesen Hafen zusteuert“.

Vielleicht ist deine Frage des Wohin gar nicht so wichtig, wie du denkst. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Vertraue. Vertraue mir, dass wenn ich gehe, wenn ich mich verabschiede, dann prall gepackt mit deinen Erlebnissen, mit deinen Erfahrungen, mit deinen Schätzen, die Liebe in allen Farben kundtun und dem Lebensatem Zuwendung versprechen. Gleichwohl entreisse ich dir nichts, denn du hast mich beladen. Liebes Menschenkind, ich bin viel mehr als du vermutest und viel weniger als die Gesamtheit aller Wunder, die uns umgeben. Ich habe weder Anfang, noch Ende. Irgendwo da draussen bin ich dein Orion, bewache ich deine Schätze und bin immer für dich da.

Gehen

Ich stehe oben, zuoberst, auf einem Hügel. Da wo ich mich stets wohlfühle. Im gefallenen Schnee vermischen sich meine Spuren mit jenen des Rehs und des Fuchses. Als wir uns erspähen haben sie meine Anwesenheit bereits als Gefahr vermutet, dabei bin ich so unschuldig wie sie. Vielleicht nicht, denn ich bin ein Mann aus der Stadt, hege Gedanken und Gefühle, bin unrein, irgendwie befallen von dem emsigen Treiben da unten, welches nun so im Kontrast zu meinem hiesigen Sein steht. Wie ich in Gedanken mehr mir selbst zuflüstere „hab keine Angst Fuchs, spring nicht davon Reh“ und beide es doch tun, sodann einen Augenblick verharren, die Ohren angesetzt, die Luft prüfend. Wie ich für diese Tiere wohl riechen mag? Ein sachter Schritt zur Seite, angespannt, bereit zum Rückzug, zum Satz in die rettende Dunkelheit. Alarmiert durch meine Präsenz. Ich kann sie weder besänftigen noch ihrer Natur entgegenwirken. Gewissermassen bin ich hier draussen der  Verletzliche, wenn es um das nackte Überleben geht! Kenne ich doch weder Höhleneingang, noch dichtes, schützendes Geäst, kann weder in die Weite riechen noch hören, noch geschwind laufen, noch trage ich Pelz und werde hungern. So aber wendet sich Fuchs ab, entspringt Reh diesem kurzweiligen Akt. Ich bleibe zurück, ruhe meinen Atem, stehe still, hoffe leise, dass sie wiederkehren mögen, sich zu mir gesellen, meine Spuren mit den ihren zieren, von den Abenteuern im Wald erzählen und unsere Seelen im Takt miteinander die Welt durchstreifen. Aber zuverlässig ist bloss die Nacht. Ich schreite voran, ziehe vorbei an Gebüsch, schlendere unwissend über den Bau, finde Trost im Gedanken, dass ich manches nicht sehen kann, aber weiss.

Dort unten kann ich die Stadt ausmachen. Meinen Blick lasse ich auf- und abstreifen, vielleicht ähnlich dem Fuchs; soll ich bleiben oder soll ich gehen? Der Schnee friert mich nicht, der Wind schont mich im Beisein des Künstlers, der dieses Bild zu malen scheint, und ich mittendrin. Er setzt einen Rahmen, schwarz, Holz, kantig, weich. Über die Tapete ziehen Hügel, gleiten ineinander, knüpfen Bäche und Bäume aneinander, grob wirken die Strassen im Gegensatz. Das sich ausbreitende Netz mit den scheinenden Werfern, den rückenden Blendern, dem Weiss und Rot, vorbeiziehende Köpfe im künstlichen Licht auf der Fahrt heim zu Frau und Kind, virtuell summt das Geld, die Beförderung. Welche Sendung sie heut Abend wohl schauen werden? Im Kleid der Dunkelheit verabschiede ich mich vom See und den Feldern, was bleibt sind die vielen Leuchten, der Schein, Strassenlaterne, Reihenhaus, Stadion, Einkaufscenter, Eisenbahn…

Lustig, spielst du mir heute einen Streich, du Obrigkeit, Könner, Schaffer, Schöpfer? Ziehst durch dieses Bild zwei dicke Streifen. Einen nennen wir Nacht, hüllst ihn in Schatten, heute dichten Nebel. Aber keine Sorge, sie haben ja ausreichend Licht da unten. Und darüber – dieses Blau, das weder Nacht noch Tag ist. Ich hätte es nicht vermutet, wenn ich es nicht selbst sehen würde. Häufig bin ich doch Nacht, bin ich doch Stadt, irgendwo da unten, ahnungslos, dass es ein Darüber gibt. Und genau jenes sehe und erlebe ich jetzt. Du hast den Mond hoch gehängt, bloss ein fein geschnittenes Stück seiner Rinde gelassen, ihm einen Stern an die Seite gelegt und ihn so geneigt, dass ich ihn auf meiner Fingerkuppe balancieren könnte. Was ist das für ein Bild? Und warum drängst du mich, mich zu entscheiden? Oder kennst du mich überdies hinaus, ferner als ich mich selbst?

Ich lasse mich weitermalen, schöpfe Vertrauen, nicht aus Gedanken, Gefühlen oder meinem Körper, einzig aus einem hellen Streifen, der schon immer war und immer sein wird.

 

An einen ganz spezifischen Montag

…an dem kein Mensch seinen Geburtstag lebt. Kein Greis, kein Mann im besten Alter, keine Mutter, kein Kind und kein kaum-Geborenes.  Kein erwartungsvolles Erwachen, keine Vorfreude, kein Bangen auf das Bevorstehende. Keine Einladungen, keine Freunde, keine Familie, kein Hipp-Hipp-Hurrah. Keine Feier, kein heiteres Gelage, kein Ballon, kein Kuchen, kein Geschenk. Kein wiederholtes „Happy Birthday“ im unabsichtlichen Kanon. Kein Geburtstag.

Ein Tag im Leben der Erde an dem sie keinen Geburtstag beherbergt (und alles stillsteht).

Liebe Erde, wie es dir wohl ergehen würde, wenn du eines Morgens erwachen und sodann feststellen würdest, dass du uns Menschen einen Tag schenkst an dem keiner von uns seinen Geburtstag feiert? Würdest du dich ganz dir selbst widmen, deine Haut im Sonnenschein erwärmen, deinen Atem über die Berge, die Täler und die Weiten des Nordens schicken und dein Herzen mit den Blumen und Wiesen verbünden, zum Tanz einladen und genüsslich einer dem anderen Geschichten zuflüstern? Oder würdest du dich all den nackten Füssen zuwenden, die dich tagtäglich kraulen, auf dir herumhüpfen, dich kitzeln und streicheln, und jedem einzelnen ein Dankeschön in die Gräser flechten? Würdest du wie ich die Stille geniessen und dich mit geschlossenen Augen durch deine unzähligen Abbilder tasten? So deinen Kopf durch die Nebeldecke heben, auf einem Baumstamm balancieren, mit ausgestreckter Hand den Vogel füttern und dem Wurm deine Beachtung in seinem Tun schenken? Oder würdest du dich ganz deinen Gefühlen widmen und jenen deren dich bewohnen? Würdest du es wagen jenes, dass wir als Trauer beschreiben zu durchforsten, dich darin zu baden, es auszukosten und zu weinen? Würdest du mutig deine Seele in Freude tränken, dein inneres Licht entblössen und nackt, laut lachend, voller Inbrunst durch die Länder streifen? Oder würdest du mit der Wut Bekanntschaft schliessen, sie in deinem Herzen einquartieren und leidenschaftlich die Anspannungen in dir wahrnehmen, die aufgestaute Energie und die brennende Kraft, die durch deine Zehen schiesst bis hinauf über deine Fingerspitzen hinweg? Oder würde es dich gelüsten ganz Angst zu sein, Angst zu leben, verkörpern, durchfühlen? Würdest du diesen Tönen und Farben nachjagen, die Ängste so gross und klein werden lassen, die Ängste entfachen, sie lodern und treiben lassen in Ideen, in Gedanken, in Vorstellungen? Oder würdest du dich den Fragen der Menschen  zukehren jene über den Sinn des Lebens, dem Sterben, dem Leben nach dem Tod, oder dem Nichts und dem Loslassen?

Ach liebe Erde, was könntest du nur in einem solch unausgeschöpften, geburtstagsfreien Tag nicht alles auskosten. Ich lache über dieses Bild, dass sich in meinen Gedanken abspielt, wie ich dir dabei zusehe, wie du über deine eigenen Spielplätze rennst, an jedem noch so winzigen Detail hängen bleibst, dich reingibst, erfährst, lernst und aus der Distanz nochmals einen Blick zurück wagst, vielleicht lächelst, vielleicht in Gedanken versunken bist, vielleicht eine Ahnung in dir trägst, warum Kinder abends nicht schlafen wollen, warum Teenager sich und ihre Eltern nicht verstehen, warum Erwachsene trotz allem nie ausgereift sind und warum Alte dem Sterben auch Frieden abgewinnen können. Aber du brauchst mir auf alle diese Fragen gar nicht zu antworten, denn ich erkenne es in deiner Zurückhaltung, ich spüre es in deinem Zaudern, ehe ich fertig gesprochen habe, haderst du, möchtest du selbst ein „aber“ aussprechen, und ich begreife dich und habe dich doch gerade darum so lieb, denn du möchtest gar keinen Tag erleben an dem nicht mindestens eine dir so vertraute  Seele seinen Geburtstag laut oder leise feiern darf.

Alles Gute zum Geburtstag auch dir liebe Erde. Danke, dass du für uns da bist und uns Leben schenkst.

Dialog mit einem Kastanienbaum

: Ist da Wut?
Gerade wachsen, hinauf schauen, verwurzelt dem Himmel entgegenstrecken.
: Oder lachst Du über die gebogene Kruste hinweg?
Augen, Beine, Arme gehören Dir, ich aber bin Wurzel, Stamm, Ast und Rinde.
: Kennst Du Wehmut, Trübsinn und Melancholie?
: Kennst Du den Tanz im Mondesschatten, im leisen Gewässer, im stehenden Puls und im Vergessen?
: Kennst Du die Namen der Berge, die Deinem Wachsen frönen, der Vögel, die Dich andächtig umkreisen und der getrübten Sonne, die durch den dichten Nebel nur ein sachtes Zwinkern für Dich übrig hat?
Oh lauschige Nacht, dichtes Grau, frohlockend die Tage, die Jahre, die Jahrzehnte, die mir entreissen, wer ich bin und schon immer war. Danke euch freien Gefährten, die mit Flügel schlagen, Botschafter der Weite sind und mit mir den schwindenden Tag feiern.
: Hörst Du mich, wenn ich mit dir um die Wette schweige und hinter geschlossenem Mund nach Dir schreie?
: Spürst du mich, wenn ich in Deiner Krone zerrinne, wie der Traum im Bach des Lebens?
: Kannst du meinen Atem sehen, wenn ich fahl, in Winters Mantel neben Dir stehe und Deine Blätter erahne?
Sei mir gegrüsst edler Freund.
Ich bin der Mutter Erde Willen ein treuer Zeuge der vorbeiziehenden Zeit, der Dich in Deiner Einzigartigkeit, in Deinem blauen Dasein, in Deinem Grauen Gehaar und Deiner vorgezogenen Liebe (hinter verborgenem Herz) nimmt, wie Du bist.
(Sachte weinend): Bleibst Du bei mir im Dunkel?
(Geräuschlos wimmernd): Hältst Du meine Hand im Anblick der Vergänglichkeit?
(Jetzt ruhig, ruhig, zart ruhig): Trägst Du meine Seele durch Dein Erdreich und hievst mich dem Firmament entgegen?
(Nunmehr im zeitlosen Frieden sich eingrabend): Darf ich Dein Kind sein und Dein beschützendes Geäst über mir erahnen?
(Erlöst, langsam einschlafend, der Atem stockt und rhythmisch entgleitet): Lieber, lieber Trost, lieber, lieber Baum, liebes Leben, ja, in Wurzel, ja, in Stamm, und Ast, und Krone…  – Endknospe.

Liebes Menschenwesen, im Selbstgespräch ertappe ich Dich, wie Du Dich von mir abkehrst, um sogleich zurückzukehren, um Geburt in all ihren Phasen zu durchleben. Ja getreues Herz, der Abschied ist das Ende einer gedeckten Tafel voller Gaben, wo unsere Horizonte vereint dem „nicht-Wissen“ gehorsam sind. Ich flüstere kein falsches Versprechen in Dein zartes Ohr, doch hab Vertrauen und lass uns dies gemeinsam aushalten.

Monstrolog: wenn Worte zerfliessen.

Und alle Freiheit und Liebe ersehnen – Gala.

Alle? Jeder? Die Gesamtheit aller Menschen? Wie viele wir wohl sind – wirklich sind? So viele Gesichter, Namen, Gewohnheiten, Geschichten, Erlebnisse, Höhen und Tiefen und alle suchen sie das Gleiche? Fehler: Verbindung fehlgeschlagen.

Was ist Geburt, was Leben, was Tod? Oder bin ich du und du bist ich?

Die ersten Flocken sind unweigerlich sichtbar. Wenn die Welt Kopf steht und sie die Kugel hält, schüttelt, mit geschlossen Augen weint, fällt der Schnee aufwärts, aber die Berge bleiben bestehen. Und die Wälder tummeln sich in Farben, sie kleiden sich für den Herbst, wie die kleinen Hörner, die ihre Gewänder wechseln, und wenn sie weint, bin ich berührt. Unter der Rinde vermute ich Leben, das uns bisweilen selbst verborgen scheint. Wo ihm Namen gebührt und ein kleines, kleines Herz um Gehör bittet, erhasche ich wenige Meter entfernt die Gämse. Was ist leiser, unmerklicher und doch da? Auf diesem Pfad und auf abertausend mehr gehen wir, laufen wir, stolpern wir – alle? Alle (glaube ich).

Die Urmenschen und wir, wir tun es ihnen gleich, sie sind von uns gegangen, wie auch wir gehen werden. Die Fragen bleiben zurück und wetzen sich an weiteren Seelen. Der Wind trägt sie in seinem Rausch und erinnert, dass wir möglicherweise alle aus dem gleichen Ursprung hervorgehen; Nagel, Finger, Hand, gewoben in einer Gesamtheit. Und eine Quelle ist Fluss, Anfang, Ende, und ich begleite ihre Trauer, jeden Tag die Kerze, der unausgesprochene Name auf ihren Lippen, Angst zu erlöschen.

Warm um hier Kraft, kalt, schauder Haut – vielleicht ist ja die Vergänglichkeit Antrieb und die Trauer Erinnerung, und die Suche nach Liebe und Anerkennung Aufgabe, und das Lächeln Ausdruck, und die Berührung auf der nackten Haut Verbindung und das Teilen Erweiterung und siebentausendmal das bewusste Ausatmen und dieser Wimpernschlag zwischen Realität und Schein, Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer. Wenn die Brüder spielen und die Mutter sie in ihrem Unwissen beschenkt, erinnert, und wir eine weitere Saison reicher und reifer sind, die Silhouetten des Lebens malen, staunen und sich die weisse Pracht legt bis zur nächsten Erschütterung…was ist ihre Aufgabe und was die meine?

Ich fliege mit geschlossenen Augen den Fels empor, erspähe unter mir das Rollen dem Pass entgegen, schwenke scharf rechts, unter mir Himmel, über mir der Eifer jedes Einzelnen sich selbst zu entdecken und zu verstehen. Sodann lasse ich mich fallen, Freiflug: im Vertrauen – auch sie trägt Schicht um Schicht, und auch hier liegt mir eine Vermutung nahe, dass sie Wirt ist und pflegt, die Hingabe nährt und wachsen lässt. In dieser grossen Welt bin ich ein Selbstentdecker wie jeder andere und niemand ist alleine.

Weil sich immer alles weiterentwickelt