Kinderrechte

Vor Jahren habe ich mit einem Kind gearbeitet, das sich in einer schwierigen Familiensituation wiederfand. Ein Kind, wie manch solch unschuldige Wesen. Wir sprachen über seine Rechte, Rechte, die jedem Kind zustehen. Und heute, Jahre später begegne ich auf wunderliche Weise derselben Kinderseele oder jener eines nahen Gefährten, und bin erneut in Gedanken über Kinder und ihre Rechte versunken. Unversehrtheit, Schutz, Nahrung, Zuwendung, um lediglich ein paar zu nennen. Und ich frage mich, wer entscheidet über das Recht der Kinder? Wer nimmt sich das Recht über das Recht anderer zu entscheiden?

Unsere Blicke treffen sich immer wieder, mal bewegen sich meine Blicke über seine Konturen, erahnen ein Lächeln oder die Runzeln einer gedanklichen Auseinandersetzung oder jenes aufblitzende unscheinbare Blinzeln, das an einen Hauch Lebensfreude erinnert. Im Lichtkegel der Strassenlaterne findet er Zuflucht, dort wo der Schnee leise rieselt, schwenkt sodann zurück in den Raum und schaut mich fragend an. Dabei ist es meine Rolle zu fragen. Aber ist es nicht auch ein Recht des Kindes gehört zu werden? Seine Meinung kundzutun? In seinem Wesen ernstgenommen zu werden? So höre ich zu und lerne aus seinen Fragen, die seine Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte verraten. Ich kenne dieses Spiel. Er möchte gesehen werden, er möchte, dass ich ihn errate, und doch will er es auch nicht.

Seine Unsicherheit und ich halten inne. Ich spüre sie. Über die Buchstaben und Worte meines stummen Gesichtsausdrucks versucht nun er zu lesen und raten. So unergründlich seine Verletzungen, dass er von seinen Erfahrungen geprägt, sein Innerstes zu schützen versucht und die Gefahr bahnen möchte noch ehe sie sich ausbildet. Wie mein kurzes Zögern ihn zum Deuten verführt, er Versagen zu ahnen scheint, Ablehnung vermutet, sich qualvolle Gedanken bildet, begleitet von jenem Gefühl, nicht gut genug zu sein, alles falsch zu machen, ja ein Versager, ein ungeliebter Mensch zu sein, ein solcher, der Ursache für Streit sein soll, für das Auseinanderleben jener, die er zutiefst in seine Liebe hüllen möchte. Und dabei bin ich ihm mehr ein Fremder, doch hat sich sein Überleben über die Jahre so verfeinert und eingebrannt, dass er auch in mir nach Signalen sucht, die er in seiner Auffassung zu deuten probiert.

Seine angezogene, rechte Schulter als sie plötzlich an Schwere gewinnt, sich seine Muskeln entspannen. Ich versichere ihm, das alles in Ordnung ist und bestärke ihn darin, dass er gut ist so wie er ist.  Und ich höre immer noch zu. Ich meine zarte Umrisse um seinen Körper wahrzunehmen. Ein seidenes Licht, das so nicht fassbar, nahezu grenzenlos sich anmutet, mit seinem Atem auf und ab, sich zu heben, zu senken scheint. Glaubst du an Engel? Ja antwortet der Junge. Glaubst du an Engel, fragt er mich? Wir schauen uns ungebrochen in des anderen Seele, schweigen, die Zeit entrinnt ihrem fahrigen Treiben. Ja. Vielleicht glaube ich lange keinen Engel mehr gesehen zu haben. Und doch sitzt einer mir direkt gegenüber.

Es ist streng sagt mir das Kind. Ich lächle sanft. Ja, es ist streng. Wenn du hier draussen vor meiner Tür stehen würdest und jedem Kind, dass mein Zimmer verlässt, fragen würdest, so habe ich keine Zweifel daran, dass sie dir zustimmen würden, dass es streng ist. Ich glaube ein jedes Kind hat das Recht Kind zu sein, geschützt zu werden vor einer erwachsenen Welt, der es noch nicht gewappnet, der es noch ausgeliefert ist, dessen Strenge es übermannt. Hier begegne ich seiner Angst immer von neuem, jener, die er mit sich trägt und jedes Mal, wenn er sein Mäntelchen von sich hebt vor meinen Füssen ausschüttet, um einen kurzen Augenblick um Luft zu ringen. Sein Atem stockt, seine Angst ist dicht. Ich kann sie ihm nicht nehmen, ihn bloss auf seinem Weg begleiten, etwas Zuversicht teilen, Hoffnung wecken. Bloss ihn bestärken. Bloss an ihn glauben. Ich bin froh, dass er an Engel glaubt.

 

Zeit

Liebe Zeit.

Du bist mein Gebieter, ich dein Untergebener.

In diesem einzigen Moment, der jetzt ist, sogleich war, bin ich ganz bei dir. Innig verkrieche ich mich in deine offenen Arme und lasse mich von dir halten. Tief in mir drin weiss ich, dass du mich nicht fallen lässt. Wie auch? So wie ich an dir hänge, hängst du an mir. Wenn ich gehe, gehst auch du. Dann ist meine Zeit vorbei.

Liebe Zeit, eine Frage drängt sich mir auf. Was geschieht mit dir, wenn du vorbeizieht, nicht mehr bist? Wo gehst du hin? Die Zeit ist abgelaufen, vorbei, vergangen, sagen sie. Aber wohin bist du gelaufen, WOHIN bist du gegangen?

Liebe Zeit, ich glaube nicht, dass du dich plötzlich auflöst und dass du diese unzähligen Momente, die uns Menschen, ja, die ganze Welt umgarnen einfach mit dir in ein dunkles Loch mitnimmst.

Ich sehe, dass du und die Vergänglichkeit ein Bündnis geknüpft habt und sie dich gewissenhaft auf deinem Gang in unser Gestern begleitet.

Sind meine Erinnerungen bloss Spiegelungen dessen was einmal war und du lieber Freund kommst nicht mehr? Ja, du kommst nicht mehr; nicht mehr an meinen ersten Schultag, wohnst nicht meiner Maturität bei, zeigst dich nicht an meiner Hochzeit, traust dich nicht meinem Altern beizuwohnen, küsst mich nicht fürsorglich auf meine Stirn, wenn ich auf meinem Sterbebett liege – bist einfach vorbei. Hinterher entsendest du abermals deine Hirten, die wir Menschen zu Minuten und Stunden, zu Tagen und Jahren zwingen, mit der Absicht dich festzuhalten. Du aber lässt dich nicht festhalten, nein liebe Zeit, du schreitest voran, zuverlässig wie der Orion, der unsere Nacht hütet.

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Liebes Menschenkind

Du lässt es mir warm und kalt werden um mein Herz. Ich weiss um deine Gedanken. Sie hören sich an wie Sorgen. Sorgst du dich um mich oder um dich? Um mich mache dir bitte keine Sorgen, ich bin frei zu kommen und zu gehen, wie es mir behagt. Und um dich…wisse dich gesorgt.

So sehr du und deine Mitmenschen glauben mich festmachen zu können, so sehr vergewissere ich euch, dass ich nicht an Handgelenken oder an Wänden sichtbar werde, noch Kirchenuhren belebe oder den Geist eurer Chronik verkörpere. Dennoch lässt euch dieser Schein Vertrauen schöpfen im kurzweiligen Glauben mir Herr zu sein. Schau her, ich möchte dir etwas zeigen. Jene Erinnerungen, die du durchschreitest, leben mit jeder Hinwendung wieder in dir auf, solange du dies möchtest. Ich nehme dir nichts und ich gebe dir nichts. Suche in mir nicht einen Schuldigen für Vergangenes, noch weniger bezichtige mich deinen Versäumnissen. Was du mit mir machst, ist ganz dir überlassen.

Du hast dich getraut mich zu fragen, wohin ich gehe, wenn ich tagtäglich vorbeiziehe, so soll ich dir behutsam antworten, in dem ich dir eine kurze Geschichte erzähle: Als das prächtige Schiff mit gehissten Segeln seinen Hafen verliess, stand die Menschenmenge am Ankerplatz und nahm Abschied. Ein kleiner Junge hatte sich mit dem Rücken zu den Anderen vom ablegenden Schiff abgewendet. Da fragte ihn einer, „warum winkst du dem Schiff nicht zu, so wie deine Freunde? Möchtest du denn nicht Lebewohl sagen?“. Da hob der Junge seinen Kopf, richtete seine Augen nach oben und schaute dem Mann tief in die Augen, während dem er sagte: „aber Papa, ich möchte doch der Erste sein, der das Schiff erblickt, wenn es wieder auf diesen Hafen zusteuert“.

Vielleicht ist deine Frage des Wohin gar nicht so wichtig, wie du denkst. Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Vertraue. Vertraue mir, dass wenn ich gehe, wenn ich mich verabschiede, dann prall gepackt mit deinen Erlebnissen, mit deinen Erfahrungen, mit deinen Schätzen, die Liebe in allen Farben kundtun und dem Lebensatem Zuwendung versprechen. Gleichwohl entreisse ich dir nichts, denn du hast mich beladen. Liebes Menschenkind, ich bin viel mehr als du vermutest und viel weniger als die Gesamtheit aller Wunder, die uns umgeben. Ich habe weder Anfang, noch Ende. Irgendwo da draussen bin ich dein Orion, bewache ich deine Schätze und bin immer für dich da.

Gehen

Ich stehe oben, zuoberst, auf einem Hügel. Da wo ich mich stets wohlfühle. Im gefallenen Schnee vermischen sich meine Spuren mit jenen des Rehs und des Fuchses. Als wir uns erspähen haben sie meine Anwesenheit bereits als Gefahr vermutet, dabei bin ich so unschuldig wie sie. Vielleicht nicht, denn ich bin ein Mann aus der Stadt, hege Gedanken und Gefühle, bin unrein, irgendwie befallen von dem emsigen Treiben da unten, welches nun so im Kontrast zu meinem hiesigen Sein steht. Wie ich in Gedanken mehr mir selbst zuflüstere „hab keine Angst Fuchs, spring nicht davon Reh“ und beide es doch tun, sodann einen Augenblick verharren, die Ohren angesetzt, die Luft prüfend. Wie ich für diese Tiere wohl riechen mag? Ein sachter Schritt zur Seite, angespannt, bereit zum Rückzug, zum Satz in die rettende Dunkelheit. Alarmiert durch meine Präsenz. Ich kann sie weder besänftigen noch ihrer Natur entgegenwirken. Gewissermassen bin ich hier draussen der  Verletzliche, wenn es um das nackte Überleben geht! Kenne ich doch weder Höhleneingang, noch dichtes, schützendes Geäst, kann weder in die Weite riechen noch hören, noch geschwind laufen, noch trage ich Pelz und werde hungern. So aber wendet sich Fuchs ab, entspringt Reh diesem kurzweiligen Akt. Ich bleibe zurück, ruhe meinen Atem, stehe still, hoffe leise, dass sie wiederkehren mögen, sich zu mir gesellen, meine Spuren mit den ihren zieren, von den Abenteuern im Wald erzählen und unsere Seelen im Takt miteinander die Welt durchstreifen. Aber zuverlässig ist bloss die Nacht. Ich schreite voran, ziehe vorbei an Gebüsch, schlendere unwissend über den Bau, finde Trost im Gedanken, dass ich manches nicht sehen kann, aber weiss.

Dort unten kann ich die Stadt ausmachen. Meinen Blick lasse ich auf- und abstreifen, vielleicht ähnlich dem Fuchs; soll ich bleiben oder soll ich gehen? Der Schnee friert mich nicht, der Wind schont mich im Beisein des Künstlers, der dieses Bild zu malen scheint, und ich mittendrin. Er setzt einen Rahmen, schwarz, Holz, kantig, weich. Über die Tapete ziehen Hügel, gleiten ineinander, knüpfen Bäche und Bäume aneinander, grob wirken die Strassen im Gegensatz. Das sich ausbreitende Netz mit den scheinenden Werfern, den rückenden Blendern, dem Weiss und Rot, vorbeiziehende Köpfe im künstlichen Licht auf der Fahrt heim zu Frau und Kind, virtuell summt das Geld, die Beförderung. Welche Sendung sie heut Abend wohl schauen werden? Im Kleid der Dunkelheit verabschiede ich mich vom See und den Feldern, was bleibt sind die vielen Leuchten, der Schein, Strassenlaterne, Reihenhaus, Stadion, Einkaufscenter, Eisenbahn…

Lustig, spielst du mir heute einen Streich, du Obrigkeit, Könner, Schaffer, Schöpfer? Ziehst durch dieses Bild zwei dicke Streifen. Einen nennen wir Nacht, hüllst ihn in Schatten, heute dichten Nebel. Aber keine Sorge, sie haben ja ausreichend Licht da unten. Und darüber – dieses Blau, das weder Nacht noch Tag ist. Ich hätte es nicht vermutet, wenn ich es nicht selbst sehen würde. Häufig bin ich doch Nacht, bin ich doch Stadt, irgendwo da unten, ahnungslos, dass es ein Darüber gibt. Und genau jenes sehe und erlebe ich jetzt. Du hast den Mond hoch gehängt, bloss ein fein geschnittenes Stück seiner Rinde gelassen, ihm einen Stern an die Seite gelegt und ihn so geneigt, dass ich ihn auf meiner Fingerkuppe balancieren könnte. Was ist das für ein Bild? Und warum drängst du mich, mich zu entscheiden? Oder kennst du mich überdies hinaus, ferner als ich mich selbst?

Ich lasse mich weitermalen, schöpfe Vertrauen, nicht aus Gedanken, Gefühlen oder meinem Körper, einzig aus einem hellen Streifen, der schon immer war und immer sein wird.

 

An einen ganz spezifischen Montag

…an dem kein Mensch seinen Geburtstag lebt. Kein Greis, kein Mann im besten Alter, keine Mutter, kein Kind und kein kaum-Geborenes.  Kein erwartungsvolles Erwachen, keine Vorfreude, kein Bangen auf das Bevorstehende. Keine Einladungen, keine Freunde, keine Familie, kein Hipp-Hipp-Hurrah. Keine Feier, kein heiteres Gelage, kein Ballon, kein Kuchen, kein Geschenk. Kein wiederholtes „Happy Birthday“ im unabsichtlichen Kanon. Kein Geburtstag.

Ein Tag im Leben der Erde an dem sie keinen Geburtstag beherbergt (und alles stillsteht).

Liebe Erde, wie es dir wohl ergehen würde, wenn du eines Morgens erwachen und sodann feststellen würdest, dass du uns Menschen einen Tag schenkst an dem keiner von uns seinen Geburtstag feiert? Würdest du dich ganz dir selbst widmen, deine Haut im Sonnenschein erwärmen, deinen Atem über die Berge, die Täler und die Weiten des Nordens schicken und dein Herzen mit den Blumen und Wiesen verbünden, zum Tanz einladen und genüsslich einer dem anderen Geschichten zuflüstern? Oder würdest du dich all den nackten Füssen zuwenden, die dich tagtäglich kraulen, auf dir herumhüpfen, dich kitzeln und streicheln, und jedem einzelnen ein Dankeschön in die Gräser flechten? Würdest du wie ich die Stille geniessen und dich mit geschlossenen Augen durch deine unzähligen Abbilder tasten? So deinen Kopf durch die Nebeldecke heben, auf einem Baumstamm balancieren, mit ausgestreckter Hand den Vogel füttern und dem Wurm deine Beachtung in seinem Tun schenken? Oder würdest du dich ganz deinen Gefühlen widmen und jenen deren dich bewohnen? Würdest du es wagen jenes, dass wir als Trauer beschreiben zu durchforsten, dich darin zu baden, es auszukosten und zu weinen? Würdest du mutig deine Seele in Freude tränken, dein inneres Licht entblössen und nackt, laut lachend, voller Inbrunst durch die Länder streifen? Oder würdest du mit der Wut Bekanntschaft schliessen, sie in deinem Herzen einquartieren und leidenschaftlich die Anspannungen in dir wahrnehmen, die aufgestaute Energie und die brennende Kraft, die durch deine Zehen schiesst bis hinauf über deine Fingerspitzen hinweg? Oder würde es dich gelüsten ganz Angst zu sein, Angst zu leben, verkörpern, durchfühlen? Würdest du diesen Tönen und Farben nachjagen, die Ängste so gross und klein werden lassen, die Ängste entfachen, sie lodern und treiben lassen in Ideen, in Gedanken, in Vorstellungen? Oder würdest du dich den Fragen der Menschen  zukehren jene über den Sinn des Lebens, dem Sterben, dem Leben nach dem Tod, oder dem Nichts und dem Loslassen?

Ach liebe Erde, was könntest du nur in einem solch unausgeschöpften, geburtstagsfreien Tag nicht alles auskosten. Ich lache über dieses Bild, dass sich in meinen Gedanken abspielt, wie ich dir dabei zusehe, wie du über deine eigenen Spielplätze rennst, an jedem noch so winzigen Detail hängen bleibst, dich reingibst, erfährst, lernst und aus der Distanz nochmals einen Blick zurück wagst, vielleicht lächelst, vielleicht in Gedanken versunken bist, vielleicht eine Ahnung in dir trägst, warum Kinder abends nicht schlafen wollen, warum Teenager sich und ihre Eltern nicht verstehen, warum Erwachsene trotz allem nie ausgereift sind und warum Alte dem Sterben auch Frieden abgewinnen können. Aber du brauchst mir auf alle diese Fragen gar nicht zu antworten, denn ich erkenne es in deiner Zurückhaltung, ich spüre es in deinem Zaudern, ehe ich fertig gesprochen habe, haderst du, möchtest du selbst ein „aber“ aussprechen, und ich begreife dich und habe dich doch gerade darum so lieb, denn du möchtest gar keinen Tag erleben an dem nicht mindestens eine dir so vertraute  Seele seinen Geburtstag laut oder leise feiern darf.

Alles Gute zum Geburtstag auch dir liebe Erde. Danke, dass du für uns da bist und uns Leben schenkst.

Dialog mit einem Kastanienbaum

: Ist da Wut?
Gerade wachsen, hinauf schauen, verwurzelt dem Himmel entgegenstrecken.
: Oder lachst Du über die gebogene Kruste hinweg?
Augen, Beine, Arme gehören Dir, ich aber bin Wurzel, Stamm, Ast und Rinde.
: Kennst Du Wehmut, Trübsinn und Melancholie?
: Kennst Du den Tanz im Mondesschatten, im leisen Gewässer, im stehenden Puls und im Vergessen?
: Kennst Du die Namen der Berge, die Deinem Wachsen frönen, der Vögel, die Dich andächtig umkreisen und der getrübten Sonne, die durch den dichten Nebel nur ein sachtes Zwinkern für Dich übrig hat?
Oh lauschige Nacht, dichtes Grau, frohlockend die Tage, die Jahre, die Jahrzehnte, die mir entreissen, wer ich bin und schon immer war. Danke euch freien Gefährten, die mit Flügel schlagen, Botschafter der Weite sind und mit mir den schwindenden Tag feiern.
: Hörst Du mich, wenn ich mit dir um die Wette schweige und hinter geschlossenem Mund nach Dir schreie?
: Spürst du mich, wenn ich in Deiner Krone zerrinne, wie der Traum im Bach des Lebens?
: Kannst du meinen Atem sehen, wenn ich fahl, in Winters Mantel neben Dir stehe und Deine Blätter erahne?
Sei mir gegrüsst edler Freund.
Ich bin der Mutter Erde Willen ein treuer Zeuge der vorbeiziehenden Zeit, der Dich in Deiner Einzigartigkeit, in Deinem blauen Dasein, in Deinem Grauen Gehaar und Deiner vorgezogenen Liebe (hinter verborgenem Herz) nimmt, wie Du bist.
(Sachte weinend): Bleibst Du bei mir im Dunkel?
(Geräuschlos wimmernd): Hältst Du meine Hand im Anblick der Vergänglichkeit?
(Jetzt ruhig, ruhig, zart ruhig): Trägst Du meine Seele durch Dein Erdreich und hievst mich dem Firmament entgegen?
(Nunmehr im zeitlosen Frieden sich eingrabend): Darf ich Dein Kind sein und Dein beschützendes Geäst über mir erahnen?
(Erlöst, langsam einschlafend, der Atem stockt und rhythmisch entgleitet): Lieber, lieber Trost, lieber, lieber Baum, liebes Leben, ja, in Wurzel, ja, in Stamm, und Ast, und Krone…  – Endknospe.

Liebes Menschenwesen, im Selbstgespräch ertappe ich Dich, wie Du Dich von mir abkehrst, um sogleich zurückzukehren, um Geburt in all ihren Phasen zu durchleben. Ja getreues Herz, der Abschied ist das Ende einer gedeckten Tafel voller Gaben, wo unsere Horizonte vereint dem „nicht-Wissen“ gehorsam sind. Ich flüstere kein falsches Versprechen in Dein zartes Ohr, doch hab Vertrauen und lass uns dies gemeinsam aushalten.

Monstrolog: wenn Worte zerfliessen.

Und alle Freiheit und Liebe ersehnen – Gala.

Alle? Jeder? Die Gesamtheit aller Menschen? Wie viele wir wohl sind – wirklich sind? So viele Gesichter, Namen, Gewohnheiten, Geschichten, Erlebnisse, Höhen und Tiefen und alle suchen sie das Gleiche? Fehler: Verbindung fehlgeschlagen.

Was ist Geburt, was Leben, was Tod? Oder bin ich du und du bist ich?

Die ersten Flocken sind unweigerlich sichtbar. Wenn die Welt Kopf steht und sie die Kugel hält, schüttelt, mit geschlossen Augen weint, fällt der Schnee aufwärts, aber die Berge bleiben bestehen. Und die Wälder tummeln sich in Farben, sie kleiden sich für den Herbst, wie die kleinen Hörner, die ihre Gewänder wechseln, und wenn sie weint, bin ich berührt. Unter der Rinde vermute ich Leben, das uns bisweilen selbst verborgen scheint. Wo ihm Namen gebührt und ein kleines, kleines Herz um Gehör bittet, erhasche ich wenige Meter entfernt die Gämse. Was ist leiser, unmerklicher und doch da? Auf diesem Pfad und auf abertausend mehr gehen wir, laufen wir, stolpern wir – alle? Alle (glaube ich).

Die Urmenschen und wir, wir tun es ihnen gleich, sie sind von uns gegangen, wie auch wir gehen werden. Die Fragen bleiben zurück und wetzen sich an weiteren Seelen. Der Wind trägt sie in seinem Rausch und erinnert, dass wir möglicherweise alle aus dem gleichen Ursprung hervorgehen; Nagel, Finger, Hand, gewoben in einer Gesamtheit. Und eine Quelle ist Fluss, Anfang, Ende, und ich begleite ihre Trauer, jeden Tag die Kerze, der unausgesprochene Name auf ihren Lippen, Angst zu erlöschen.

Warm um hier Kraft, kalt, schauder Haut – vielleicht ist ja die Vergänglichkeit Antrieb und die Trauer Erinnerung, und die Suche nach Liebe und Anerkennung Aufgabe, und das Lächeln Ausdruck, und die Berührung auf der nackten Haut Verbindung und das Teilen Erweiterung und siebentausendmal das bewusste Ausatmen und dieser Wimpernschlag zwischen Realität und Schein, Herbst, Winter, Frühling und wieder Sommer. Wenn die Brüder spielen und die Mutter sie in ihrem Unwissen beschenkt, erinnert, und wir eine weitere Saison reicher und reifer sind, die Silhouetten des Lebens malen, staunen und sich die weisse Pracht legt bis zur nächsten Erschütterung…was ist ihre Aufgabe und was die meine?

Ich fliege mit geschlossenen Augen den Fels empor, erspähe unter mir das Rollen dem Pass entgegen, schwenke scharf rechts, unter mir Himmel, über mir der Eifer jedes Einzelnen sich selbst zu entdecken und zu verstehen. Sodann lasse ich mich fallen, Freiflug: im Vertrauen – auch sie trägt Schicht um Schicht, und auch hier liegt mir eine Vermutung nahe, dass sie Wirt ist und pflegt, die Hingabe nährt und wachsen lässt. In dieser grossen Welt bin ich ein Selbstentdecker wie jeder andere und niemand ist alleine.

Gesamt

Ich bin fünf Finger rechts, fünf Finger links, ein Strich und ein Kreis auf der blauen Leinwand nebst Wolke, Sonne, Regen; und Kehlen oben und unten, lang meine innere Säule, die mein Haus aufrecht hält; meine feinen Linien, die mich mich sein lassen, meine Haut zu Städten, Wälder und Bergen erwecken, dicht um meine Knochen gespannt, ich lache von Muskel zu Muskel und ziehe und drücke, Klappen auf und zu; meine Lunge arbeitet, zwei Flügel breit, innerer Fluss Zug um Zug, ist dies die Lebensluft?

Kanäle wandern, imitieren Ebbe und Flut, transportieren Gold, erwecken mich; ich verändere nicht, bin Beobachter und Entdecker – soll sich hier meine Seele spiegeln – im Glas reflektiert jener lichterlohe Kreis, formt sich graziös. Den Umdrehungen ausgeliefert atme ich die Gesamtheit ein, mehr kann ich nicht.

Oh, alle haben sie Namen, meine Kleinsten und meine Grössten Hammer und Amboss,  Blätter und Eichel, Zehen und Rippen, … Ich geniesse mein Sein in meiner Vollkommenheit auch ohne Namen, Prägung, Markierung, so bin ich geboren und so werde ich sterben. Lustig, wie wir Menschen alles benennen. Ist es somit greifbarer? Sind wir dann mächtiger? Oder, sind wir so wie wir sind und ich darf (oder muss) mich und dich kennenlernen und bedingungslos akzeptieren?

Ich bleibe.

Montag, Dienstag, Mittwoch – Gestern, Morgen, Heute – damals und abertausend Mal der Zwang der Zeit, den wir uns selbst auferlegen. Was ist die wirkliche Zeit? Jene die an meiner Wand getrieben vor sich her tickt oder jene die unsere Gelenke zieren und unsere digitalen Gegenüber komplettieren? Ich hege leise und laute Zweifel und es dämmert mir, dass der Zeitbegriff losgelöst von uns Menschen ist. Das Zeit immer schon da war und vielleicht immer da sein wird.

Fragend wende ich mich an Berge, Blätter, Blüten und Wurzeln, ich staune in jene Tiefe, die sich nicht messen lässt, nicht in Meter, nicht in Füssen, nicht in irdischen Massen. Vielleicht bin ich taub, vielleicht geblendet, dass ich die Antworten nicht erschliessen, nicht deuten kann und möglicherweise finde ich mich hohlen Fussstapfen gegenüber, die irgendwo und irgendwann bereits getreten wurden und geduldig auf mich warten bis ich folge. Die universelle Sprache wiegt mich in diese andere Realität, die ich wohlmöglich ersehne und im Wirbel des Lebens immer wieder erhasche. Wo sonst beleben mich solch tiefrote Augenblicke, die ja, unserer Zeit entledigt existieren oder in einer anderen Form sein dürfen?

Das reine Vertrauen, das Leben und Tod sich umgarnen, der See in seinem türkisen Gewand mehr ist als die sich schaukelnde Oberfläche mit seichten Wogen, die Strahlen nicht in mir Leben erwecken oder erlöschen, vielmehr in Unabhängigkeit zu mir stehen, vergehen und jeden Tag wieder von Neuem den Glanz in ihren Augen hervorheben, ihren Sternen Gehalt geben, ihr Herz in rhythmisches Pochen liebkosen; darin finde ich Dankbarkeit und Demut. Ich darf klein sein in der Gegenwart dieser Wunder. Ich getraue mich hinzusehen und zu fragen und werde warten.

Stillness

Stillness of the mind as I nurture my soul.

Unablässig diese Gedanken, die sich in Gängen verirren und sich durch dunkle Gassen schleichen, Brücken schlagen und Fernes mit Nahem verbinden, plötzlich verschwinden und im Unwetter anderer Intrusionen wieder auftauchen. Da sind sie wieder.

Ich kann nicht ohne sie leben.

Und da kauert dieses Kind und blickt gedankenverloren der Elefantenkuh entgegen. Unsere Blicke verneigen sich voreinander, kreuzen sich, lächeln anmutig in die Tiefen der Seele hinein. Er erspäht das Elefantenjunge und rückt es gerade. Abgewandt das kleine, grosse Tier, abgewandt das kleine, schwere Menschlein. Körper hier, anwesend, verbergend und doch so ehrlich, der Ausdruck des inneren Erlebens. Geräuschlos kullern die Engelstränen vor gezogenen Vorhängen, sie säumen die Fassung seines Herzens in durchdringende Strähnen, und setzen sich im Magen nieder, wo die Last ihr zu Hause weiss, drückt und beisst, und sich alles zusammenzieht. Im Hals die Barriere, die Fingerhaut, die Fussnägel, die Knöchelbeine, die Schlossschulter, verkrampft von Kopf bis Fuss.

Danke, dass du da bist. So zuverlässig und stark. Was ist mehr als dein Dasein, deine tragenden Gesten und Worte, dein verbindliches Versprechen und die sich kreuzenden, ineinander fliessenden Seelen. So bin ich du und du bist ich.

Der Löwe im Zaum, am Flussufer bäumt sich der Sand in laue Wellen, Grenzen ziehen sich eckig in entgegengesetzte Richtungen und wir sind Lichtjahre entfernt und doch beide da, in diesem vertrauten Moment. Das verschwommene Bild, entbunden von Zeit und Verstand, die diffuse Heimat, die sich weder fassen noch benennen lässt, und trotzdem uns beide beherbergt. Das Haus der Seele, die Nachbarschaft der sich treffenden und gegenseitig ausweitenden, tragenden Gefühle, die endlos Raum bieten für alle Töne und Schattierungen von Angst, Furcht, Freude und Wut. Hallo Gefühl.

GtotOmat

Ich kann nicht leugnen, dass ich gedenke und noch immer auf eine Antwort warte. Gleichwohl ist sie für mein Leben nicht relevant, sondern für das ihre, für ihren Glauben, für ihr Erinnern, für ihre Sinnhaftigkeit. Sie befindet sich im gefüllten Trog mit ihresgleichen. Jene die sich an Antworten klammern oder jene, die sie abstossen. Ich lese aus ihren Worten Enttäuschung, Trauer, Wut.

Ich fahre mit meinem Finger dem Spektrum hoch und runter, in inneren Bildern lenke ich mein Bewusstsein auf diese verschiedenen Lebenspfade und -einstellungen. Da begegnet sie mir wieder, in anderer Gestalt, umhüllt von Heiterkeit und Zuversicht. Ich erahne Glaube und die prägenden Erfahrungen, die heute helfen Wege für andere Menschen zu festigen und erleuchten. Ich sehe Gegebenheiten und den Menschen in deren Bann und staune – wie ich diese Eigenschaft lieb hab. Und wie ich sie beide in einer anderen Herzkammer entdecke und lieb hab, so wenn sie den Schmerz vermeiden und im dunklen Humor vergraben, Energien bündeln und das Netz beleben und instruieren, um einem anderen Halt zu geben. In der eigens dafür eingerichteten Ecke ruht der Junge, auf dem Spielplatz fühlt er sich sicher, an der Wandtafel weiss ich den Morgengruss zu erhaschen, so gütig und reich an inneren Weiten, die Tränen und Lacher sein dürfen.

Jedes Universum entdecke ich jeden Tag, wenn ich meine Augen und Ohren öffne. Inmitten diesen Welten stehe ich still und verbinde mich. Ich vernehme eine Vibration, die mich jeden Ring sein lässt, von der Wurzel bis zum Blatt. Da stehen wir nun beide im Strassenlicht. Und wenn ich dich berühre, was empfindest du? Und wenn ich mich bewege, wo sind deine Gedanken? Ich danke ihrer Ehrlichkeit und ihrer Offenheit, ihrer Unsicherheit und ihren gestreuten Farben, ich danke dir oh Mensch und Baum, so ähnlich, so gleich sind wir.

Die Saiten sind meine Mitwisser, die Strahlen meine Komplizen, die Sehnsucht mein Anhänger, der letzte Atemzug mein Freund, die Zuversicht und die Liebe meine Verbündeten. Alles ist.

Weil sich immer alles weiterentwickelt